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Von Johannes K. Hartkemeyer

Der Softwarebetrug der Volkswagen AG und anderer großer Automobilkonzerne hat für einen Moment den chromglänzenden Vorhang gelüftet, der das Umweltverantwortungsgerede, das angebliche Servicebewusstsein und die vermeintliche Kundenorientierung dieser Imperien ad absurdum führte. Gleichzeitig ist das Auto für viele von einem Fortbewegungsmittel zu einem Statussymbol und darüber hinaus ein die Politik dominierender Wirtschaftsfaktor geworden.

Schrittweise hat sich dabei das Verhältnis von Auto und Fahrer umgekehrt. Das Auto wendet zunehmend den Menschen an. In der Konsequenz kann das moderne Auto sogar als Belastungszeuge in einem Gerichtsverfahren gegen den Fahrer eingesetzt werden. Denn die elektronischen Speicher könnten Aussagen zum Fahrerverhalten aus Sicht der Elektronik machen, die den Aussagen des Fahrers widersprechen. Die kommende Generation von selbstfahrenden prozessorgesteuerten PKWs verschärft die Frage nach der persönlichen Verantwortung. Wenn der Fahrer nun kein wirklicher Lenker ist, sondern das Fahrzeug selbst alle Entscheidungen trifft – wer ist dann bei einem Unfall verantwortlich? Hacker haben kürzlich auf einer Konferenz in Las Vegas vorgestellt, was passiert, wenn so ein Fahrzeug gekapert wird. Der Fahrer, selbst ein erfahrener Computerspezialist, brach in Panik aus, als sich sein Auto, extern von Nerds gesteuert, auf dem Highway scheinbar selbstständig machte.

 

Plaketten-Irrsinn und Umweltbetrug

 

Das Auto ist heute auch kein solides Anlage- oder Wertobjekt mehr, sondern ein effektiver Geldvernichter, der in der Lage ist, bereits nach einem Jahr die Hälfte des Neupreises zu verdampfen. Die heutigen Autos haben keine Chance, begehrte Oldtimer zu werden wie vorherige Generationen. Die modernen Verbundstoffe können nicht einfach geschweißt werden. Die Kunststoffe sind verklebt und verspröden. Die Steuerelektronik wird irreparabel. Der Quellcode ist verschwunden.

Die neueren Fahrzeuge sind bis ins Detail so konstruiert, dass der Halter ohne Spezialausrüstung selbst einfachste Reparaturen kaum noch ausführen oder sich auch nur bei einer Panne helfen kann. Die neuen Motoren werden so gebaut, dass sie Motoröle brauchen, die zehnmal so teuer sind als die alten. Selbst der unschlagbar zuverlässige Ölpeilstab fehlt bei manchen Motoren schon. Ein einfacher Glühbirnenwechsel, früher eine Sache von Sekunden und wenigen Cent, kostet beim neuen VW Passat etwa 650 Euro und beim Audi 1500 Euro, weil man zu diesem Zweck intelligenterweise Kotflügel und Stoßstange demontieren muss. Entmündigung des Kunden und Abzocke durch Werkstätten scheint die Devise der Konstrukteure zu sein.

Und wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass viele Fahrzeughalter heute ihre noch voll funktionsfähigen Autos aufgrund einer fehlenden grünen Plakette verschrotten mussten, aber gleichzeitig die Konzerne mit betrügerischer Software die Umweltschädlichkeit ihre Neuwagen kaschieren konnten? Dürften nun diese alten Autos wieder in die Umweltzone fahren? Müssen nun die neuen Autos, die aufgrund eines Betrugs ihre grüne Plakette erhalten haben, diese wieder abgeben?

Bemerkenswerte Entwicklungsfortschritte scheinen den Konstrukteuren in den letzten Jahrzehnten nicht mehr gelungen zu sein. Selbst das Elektromobil mit vier Nabenmotoren wurde bereits vor 100 Jahren von Ferdinand Porsche vorgestellt! Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann der Niedergang von Reparaturfreundlichkeit, Materialqualität und Recyclingfähigkeit bei den meisten Automobilherstellern. Bei Volkswagen ist dies am Übergang von Golf zwei zu Golf drei festzustellen. Bei Daimler-Benz ist der W 124 die letzte Baureihe eines qualitativ hochwertigen und reparaturfreundlichen Fahrzeugbaus. Haben erfahrene ältere TÜV-Prüfer ein solches Fahrzeug vor sich auf dem Prüfstand, beginnen sie mit leuchtenden Augen und wachsender Begeisterung die unbestreitbaren Vorteile dieser Fahrzeuge aufzuzeigen. Auch die Preise von Gebrauchtfahrzeugen sprechen diesbezüglich eine eindeutige Sprache.

 

Sinnloser Luxus und verhinderte Innovationen

 

Die Automobilhersteller versuchen heute ihre Kunden eher mit fragwürdigen Zusatzausrüstungen und sinnlosem Luxus von öden Staus auf verstopften Straßen abzulenken und sie mit allerlei Schnickschnack bei der Stange zu halten. Die elektronische Ausrüstung übertrifft bei weiten den der NASA Raumkapsel bei der ersten bemannten Mondlandung – allerdings in oft weitaus schlechterer Qualität. Manche angeblichen elektronischen Sicherheitssysteme können zu einer neuen Gefahrenquelle werden. Der Autor hat selbst erlebt, wie bei einem neuen Audi A6 während der Fahrt plötzlich durch einen Schaltfehler der automatischen Türverriegelung die Hintertür aufsprang, an eine Mauer schlug und die auf der Rückbank sitzenden Kinder entsetzt aufschrien.

Umweltfreundlichkeit und niedriger Treibstoffverbrauch scheinen keine wirklichen Ziele der Fahrzeugentwickler mehr zu sein, sondern bleiben Lippenbekenntnisse. Am Beispiel des Motorenkonstrukteurs Ludwig Elsbett, der für VW die TDI-Technik entwickelte, wird das besonders deutlich. Mehr als drei Viertel der Energie, die einem normalen Verbrennungsmotor zugeführt wird, dient nicht der Fortbewegung, sondern wird weitgehend sinnlos vernichtet. Elsbett konstruierte als Alternative einen genial einfachen Verbrennungsmotor, der aufgrund seiner speziellen Konstruktion auf eine Motorkühlung verzichten konnte und nur einen kleinen Ölkühler benötigt. Bei Testfahrten schlug dieser Motor mit 2,9 Liter auf 100 km bei 90 PS bereits vor mehr als 20 Jahren alle Verbrauchsrekorde der Mitbewerber. Der ADAC unterschlug in subalterner Rücksicht auf die sponsernden Mineralölkonzerne dieses Ergebnis. VW-Chef Ferdinand Piech setzte stattdessen auf immer kompliziertere, hochgerüstete Technik. Wenn sparsamer Treibstoffverbrauch heute ein Entwicklungsziel wäre, könnte man zum Beispiel ohne weiteres den Energie fressenden Klimakompressor durch ein einfaches Thermoelement (wie es sich in einem Campingkühlschrank befindet) ersetzen, das ausschließlich von der Abfallenergie des Motors gespeist wird und keine Verschleißteile besitzt. Effekt: bis zu ein Liter Treibstoffeinsparung auf 100 Kilometer.

Heute verlässt man sich offenbar lieber auf den Betrug durch manipulierte Software, die Fälschung von Verbrauchsstatistiken oder die Bestechung von Politikern. So wurde der Kanzleramtsminister Eckart von Klaeden für seinen Kampf gegen die Verschärfung der Abgasvorschriften in Brüssel durch einen hoch dotierten Druckposten bei Daimler-Benz belohnt. Die Zeche zahlen Verbraucher und Umwelt. ///

 

 

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Dr. Johannes F. Hartkemeyer ist Diplom Ingenieur und lebt auf dem CSA-Hof Pente. Er ist Mit-Autor des Buches Dialogische Intelligenz. Aus dem Käfig des Gedachten in den Kosmos gemeinsamen Denkens,  200 Seiten, Broschur, 36 teilweise farbige Abbildungen, € 19,80.