Treppe

Als einst am Lagerfeuer die Menschen damit begannen, sich Geschichten zu erzählen, nahm ein Bewusstseinsprozess seinen Lauf, dessen Tragweite wir gerade erst zu verstehen beginnen. Kommunikation als Fähigkeit scheint uns so selbstverständlich, kaum haben wir zu sprechen gelernt, vergessen wir dieses Wunder auch schon. Dass wir, indem wir uns ausdrücken, die werden, die wir sein können, und dass im Dialog mit anderen etwas Gestalt gewinnt, das weit über unser persönliches Selbst hinaus weist, wird uns erst allmählich wirklich bewusst. „Die Erhebung der gewöhnlichen Rede zum Kunstwerk ist eine Seltenheit (…). Es fehlt uns fast ganz das Gefühl für die Schönheit des Sprechens“, heißt es bei Steiner. In einer Kultur, in der der Individualisierungsgrad unserer Existenz einen Höhepunkt erreicht zu haben scheint, wird Kommunikation zur Chance, das, was uns einzigartig macht, als vitalen Teil des Weltprozesses neu zu erleben und ihn aus dieser erlebbaren Ganzheit heraus bewusst zu gestalten – wie ein Kunstwerk, das im Sprechen wird.

 

Aus Worten erwächst das Ich

Wann der erste Mensch das erste Wort gesprochen hat, werden wir wohl nie der Vergangenheit entreißen. Doch als sich aus der Ganzheit des Kosmos in den am Lagerfeuer geteilten Geschichten die Fähigkeit formte, „Ich“ zu sagen, war dies die Geburt des Menschseins im Sinne unseres heutigen Verständnisses einer individuellen Existenz. Diese kleine Lücke zwischen Mensch und Welt öffnete den Raum für einen Bewusstseinsprozess, der heute noch seinen Anfang ahnt und wahrscheinlich nie ein Ende erreicht. „Dieses selbstreflektive, analytische, kritische Bewusstsein durchtrennte die organische Beziehung zur Natur. Es konnte sich nun in Form von wissenschaftlichen Theorien, sozialer Kritik und Wissen sowie als Möglichkeit einer individuellen spirituellen Reise auf die Welt beziehen“, beschreibt der Religionswissenschaftler Ewert Cousins diesen Quantensprung menschlicher Emanzipation.

So trennen sich Ich und Göttliches und treten als zwei aus dem Einen hervor. Das Ich spricht nun im Gebet zu Gott in diesem neu entstandenen Zwischenraum. Im wissenschaftlichen Disput reiben sich die Worte aneinander und sprengen die Grenzen bisheriger Erkenntnis. Kommunikation wird zu einem Gestaltungsprozess, in dem die Schönheit des Menschseins zu immer neuen Ausdrucksformen findet, sich aber gleichermaßen Verwerfungslinien zeigen. Machtansprüche werden formuliert und im Protest zurückgewiesen. Der rationale Diskurs öffnet den Geist, verschließt sich jedoch vor dem Gefühl. Mit jedem kommunikativen Schlagabtausch wird der Erkenntnisraum, in dem sich Gespräche vollziehen, weiter, doch die Inhalte, die ihn füllen, fallen auch immer mehr auseinander.

Die sich stetig differenzierende Fähigkeit, uns ausdrücken zu können, lässt unsere Individualität reicher und tiefer werden, trägt uns an die Ränder des Kosmos. Dann werden wir „zu Zuschauern eines Dramas, von dem wir in Wirklichkeit ein integraler Teil sind“, wie Ewert Cousins es ausdrückt. Der Geschmack des Für-sich-Stehens, zugespitzt vielleicht sogar der Isolation, lässt uns über die Jahrhunderte neue Worte finden, die nun nicht mehr hauptsächlich unser Bewusstsein von der Welt, sondern vor allem von uns selbst weiten.

 

Begegnung im Wir

Das aufkeimende postmoderne Bewusstsein beginnt zu fragen, ob das Göttliche tatsächlich außerhalb von uns steht, wie es die religiöse Tradition überwiegend festlegt. Und ob die Unterscheidung in ein Oben und ein Unten eine Sprache des Kommandos und der Kontrolle und damit der Macht des einen über den anderen rechtfertigt. Es fragt auch, ob sich Fortschritt allein im Wissenschaftlich-Materiellen erschöpft oder die menschlichen Innenräume nicht gleichermaßen bedeutsam sind. Im Wahrnehmen bestehender Grenzen und Trennungen wird Kommunikation nun zur Möglichkeit, bewusst Verbindungen und Beziehungen herzustellen, das, was im Weltprozess zu Kontur gefunden hat, wieder durchlässig werden zu lassen, damit aus dem Einzelnen ein größeres Gemeinsames erwachsen kann.

Die von Marshall Rosenberg entwickelte „Gewaltfreie Kommunikation“ beispielsweise versucht, das Gefühlsleben bewusst in Gesprächen zu kultivieren sowie inneres Erleben und äußere (Macht-)Strukturen im kommunikativen Prozess wieder miteinander in Kontakt zu bringen. Rosenberg hält einer als „lebensentfremdet“ wahrgenommenen Kommunikation der Vereinzelung die „wahre Begegnung des tieferen Wesens der beteiligten Menschen“ entgegen. „Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass in dem Moment, wo Leute anfangen, über das zu sprechen, was sie brauchen, die Wahrscheinlichkeit, einen Weg zur Erfüllung aller Bedürfnisse zu finden, dramatisch steigt“, erklärt er. Liebe, Empathie und Präsenz stellen so eine lebendige Beziehung her zwischen den sich ihrer selbst und ihrer Bedürfnisse bewussten Ichen und dem Kosmos als Ganzem. Im Sinne Ewert Cousins’ vollzieht sich hier eine Heilung der „radikalen Aufspaltung von Materie und Spirit, von Erde und Himmel“. Die über die Jahrhunderte errungene Subjektivität beginnt, ihre Separation aufzugeben und sich in einem Raum größerer Weite aufs Neue zu verbinden – als ein immer bewusster werdendes Wir.

 

Kommunikation als evolutionäre Lebenskunst

Dieser „Shift von der Divergenz zur Konvergenz“ (Cousins) stellt Kommunikation in einen völlig neuen Kontext des Werdens. „Eine Harmonie des Individuellen und des Kollektiven entsteht, in der sich das Ganze fortwährend auf Kohärenz zu bewegt. Es gibt also einen kollektiven Geist und einen individuellen Geist, und wie bei einem Strom gibt es ein Fließen zwischen diesen beiden Ufern“, beschreibt der Quantenphysiker David Bohm die Qualität von Dialogen, die sich aus diesem „partizipierenden Bewusstsein“ entwickeln kann.

Der Bohm’sche Dialog setzt das reife Individuum voraus, das sich seiner selbst bewusst ist und gleichermaßen von sich selbst absehen kann. „Das partizipierende Denken erkennt, dass alles an allem teilhat. Es erkennt, dass sein eigenes Sein an der Erde teilhat – es besitzt kein unabhängiges Sein. In einer partizipierenden Weltsicht ist das Unbegrenzte der Grund von allem, und unser wahres Sein ist unbegrenzt“, so Bohm. Den Zugang zu diesem Unbegrenzten ebnet das Abstand-Nehmen vom Begrenzten. Der Bohm’sche Dialog gelingt dann am ehesten, wenn das Fragen wichtiger wird als das Schon-Wissen, wenn das geteilte Interesse sich auf das richtet, was als Mögliches in den Zwischenräumen der Kommunikation bereits durchschimmert.

Im U-Prozess von Otto Scharmer findet diese Bewegung auch einen bildlichen Ausdruck. Das Absteigen an den tiefsten Punkt des „U“ bahnt im Hinsehen und Hinspüren, im Loslassen dessen, was bereits ist, einen Weg in die Stille, in die Leere. In der dann von Voreingenommenheiten freieren Bewegung nach oben „baut sich eine zarte, aber sehr reale Verbindung zu unserer zukünftigen Möglichkeit auf“, so Scharmer. In diesem aufsteigenden Prozess wird aus Wissen Überraschung, aus Bedürfnissen ein Dienen, aus Worten, die sich immer wieder neu verbinden, Emergenz – oder, wie Scharmer es nennt, die „Gegenwärtigung der höchsten Zukunftsmöglichkeit“. Dann wird Kommunikation zur Kunst, zur evolutionären Lebenskunst. ///

 

Dr. Nadja Rosmann ist Kulturanthropologin mit dem Schwerpunkt Identitätsforschung. Sie arbeitet als Journalistin, Kommunikationsberaterin und wissenschaftliche Projektmanagerin vor allem zu Themen aus den Bereichen Wirtschaft und Spiritualität und betreibt das Weblog think.work.different: www.zenpop.de/blog Gerade ist das Buch „Mit Achtsamkeit in Führung – Was Meditation für Unternehmen bringt“ erschienen, das sie gemeinsam mit Paul J. Kohtes geschrieben hat.

 

  1. Herbstakademie Frankfurt

„Wie gelingt Kommunikation? Vernunft, Intuition – Wir und die Welt“
14.-16. November 2014 in Oberursel bei Frankfurt.

Alle Infos und Anmeldung unter Tel: 069-584645 und http://www.herbstakademie-frankfurt.de