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Die Altstadt von Tallinn.
Foto: EAS / visitestonia.com

Die Ereignisse in der Ukraine haben in Europa zu unterschiedlichen Reaktionen geführt. Die schärfste Kritik am russischen Vorgehen kam aus Polen und den drei baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen. Diese Länder waren es auch, die als erste um eine Verstärkung der NATO-Präsenz auf ihrem Territorium baten. Grund dafür ist die Furcht, Russland könnte versuchen sich nach der Ukraine auch anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion zuzuwenden, um diese wieder zu annektieren oder zumindest in seinen Einflussbereich zurückzuholen. Diese Furcht ist nicht unbegründet, bedenkt man die Erfahrungen, die diese Länder im Laufe der Geschichte mit russischer Herrschaft gemacht haben. Ein kleiner Blick in die estnische Geschichte kann vielleicht verständlich machen, wie tief verwurzelt die Angst vor dem sich erneuernden russischen Machtstreben im Land ist.

Estland war aufgrund seiner geographischen Lage immer ein begehrtes Objekt für Eroberer: Dänen, Deutsche, Polen und Schweden wechselten sich ab dem 13. Jahrhundert als Herrscher ab. Nach dem Nordischen Krieg gingen Estland und Livland 1721 von Schweden an Russland. Durch die sogenannte Baltische Sonderordnung behielt der deutsche Adel in den neuen Ostseeprovinzen des Russischen Reiches jedoch seine Privilegien, so dass die russische Oberherrschaft größtenteils eher formaler Natur war. Nach den Revolutionen des Jahres 1918 konnten die Esten im Unabhängigkeitskrieg gegen Russland und den deutschen Adel ihre staatliche Eigenständigkeit erkämpfen, die von russischer Seite 1920 im Friedensvertrag von Tartu „für alle Zeiten“ anerkannt wurde. Es folgten 20 Jahre wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung, die Estland zu einem wohlhabenden Land werden ließen. Die deutschbaltischen Adligen verloren ihre Sonderstellung ebenso wie ihren Grundbesitz, blieben jedoch im Land, als gleichberechtigte Staatsbürger der Republik Estland.

Als Hitler 1939 die Deutschen aus dem Baltikum nach 700 Jahren „heim ins Reich“ rief, wurde dies von vielen als Vorbote einer düsteren Zukunft wahrgenommen. Noch im selben Jahr wurde Estland gezwungen, der Stationierung von 25000 sowjetischen Soldaten zuzustimmen. 1940 folgte die endgültige Einverleibung des Landes in die Sowjetunion, von der russische Historiker bis heute behaupten, sie wäre freiwillig erfolgt.

Gleich zu Beginn der Okkupation galt es die politische, wirtschaftliche und kulturelle Elite des Landes zu vernichten. Es folgte eine Welle von Verhaftungen, Erschießungen und Deportationen. Allein in der Nacht des 14. Juni 1941 wurden nach bereits 1939 in Moskau erstellten Listen mehr als zehntausend Männer, Frauen und Kinder in Viehwaggons nach Sibirien deportiert. Wer nicht bereits auf dem Weg umkam, überlebte oft die grausamen Lebensbedingungen in den Verbannungsorten in Sibirien nicht: Von den in jener Nacht Deportierten kehrten sechstausend niemals zurück. Die Bilanz nach einem einzigen Jahr sowjetischer Herrschaft im Land war derartig verheerend, dass die deutsche Wehrmacht, die Estland bereits Anfang Juli 1941 erreichte, von den meisten Esten eher als Befreier denn als neue Besatzer wahrgenommen wurde. Hinzu kam, dass die bis 1944 dauernde deutsche Besatzung im Gegensatz zur Situation in Polen oder anderen Teilen der damaligen Sowjetunion milder war, vergleichbar mit der in Dänemark oder den Niederlanden. Doch gab es auch in Estland Konzentrationslager, in denen neben anderen Gefangenen die noch im Land verbliebenen ungefähr eintausend Juden ermordet wurden.

Noch bevor die Deutschen 1944 sich endgültig wieder aus Estland zurückzogen, versuchten viele Esten – formal als Teil der Wehrmacht oder sogar der SS – mit der Waffe in der Hand eine erneute Besetzung ihres Landes durch die Rote Armee zu verhindern, zehntausende andere verließen ihr Land und flohen Richtung Westen, größtenteils in kleinen Booten über die Ostsee nach Schweden, aber auch nach Deutschland und nach Amerika.

Nachdem die Sowjetunion ihre Herrschaft über Estland wieder gesichert hatte, folgte vom 25. bis 29. März 1949 eine weitere Deportationswelle, bei der über zwanzigtausend Menschen nach Sibirien verschleppt wurden – das älteste Opfer unter ihnen war 95 Jahre alt, das jüngste gerade mal drei Tage.

Um das widerspenstige Land besser kontrollieren zu können, wurde in den nächsten Jahrzehnten eine massenhafte Ansiedlung hauptsächlich russischstämmiger Menschen aus anderen Teilen der Sowjetunion betrieben. Betrug 1934 der Anteil der Russen an der Bevölkerung nur 3,8 Prozent, so war er 1989 bereits auf über 30 Prozent angewachsen. In der Hauptstadt Tallinn stieg der Anteil der Russen auf über 40 Prozent. Alle wichtigen Positionen in Verwaltung und Wirtschaft wurden mit Russen besetzt, insbesondere das für die Energieversorgung wichtige Gebiet um die Stadt Narva im Nordosten des Landes wurde fast vollständig russisch: Noch heute liegt der Anteil der Esten dort unter 20 Prozent. Estnische Kinder mussten bereits vom ersten Schuljahr an Russisch lernen, die einwandernden Russen lernten jedoch kaum jemals Estnisch. Im Alltagsleben wurde die russische Sprache den Esten in immer mehr Bereichen aufgezwungen. Ob im Laden, beim Arzt oder auf der Post: War das Gegenüber ein Russe, musste Russisch gesprochen werden. Die im Süden des Landes gelegene Universitätsstadt Tartu wurde wegen des in unmittelbarer Nähe gelegenen sowjetischen Luftwaffenstützpunkt quasi zu einer „geschlossenen“ Stadt: Ausländer durften sich dort nur tagsüber aufhalten, wodurch die Universität effektiv von einer direkten Kommunikation mit ausländischen Wissenschaftlern abgeschnitten wurde. Zudem wurde ihr in vielen Fächern das Promotionsrecht entzogen, so dass Doktorarbeiten an einer andern Universität in der Sowjetunion verfasst werden mussten – natürlich in russischer Sprache.

Die Erinnerung an die Jahre der Unabhängigkeit zwischen den beiden Weltkriegen sollte möglichst ausgelöscht werden. Nicht nur der Besitz einer estnischen Flagge, sondern bereits das Erwähnen ihrer Farbkombination konnte eine Gefängnisstrafe nach sich ziehen. Estland hatte ein untrennbarer Teil des Sowjetimperiums zu sein.

Offener Widerstand war nicht möglich – die letzten Gruppen von Widerstandskämpfern, die sich in die Wälder zurückgezogen hatten, waren Ende der fünfziger Jahre vernichtet worden. Ein Aufbegehren gegen die Besatzung war im Alltag nur noch versteckt möglich, wurde aber dennoch immer wieder versucht. So kommentierte die Meteorologin Pilvi Kirsi Ende der achtziger Jahre in den Abendnachrichten des estnischen Fernsehens eine sich von Russland her nähernde Schlechtwetterfront wie beiläufig mit den Worten „Aus dem Osten ist noch nie etwas Gutes zu uns gekommen“ – woraufhin sie für einige Zeit von den Bildschirmen verschwand.

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Das Nachtsängerfest 2008, eine Wiederholung genau 20 Jahre nach der singenden Revolution. Foto: EAS / visitestonia.com

Als in den achtziger Jahren die Politik von Perestroika und Glasnost unter Gorbatschow erstmals wieder eine öffentliche Diskussion über Geschichte ermöglichte, sahen die Esten, ähnlich wie Letten und Litauer, den Zeitpunkt gekommen, die historische Entwicklung endlich so darstellen zu können, wie sie tatsächlich gewesen war. Die „singende Revolution“ von 1988 gab den Esten den Mut, die sowjetische Herrschaft abzuschütteln und schließlich 1991 ihre Unabhängigkeit wiederherzustellen.

Das Ergebnis von fünfzig Jahren sowjetischer Herrschaft war jedoch horrend. Ließen sich die wirtschaftlichen Probleme erstaunlich schnell lösen, so war die demographische Veränderung nicht ohne weiteres rückgängig zu machen. Nach wie vor leben in Estland mehr als 300.000 in der Zeit der sowjetischen Besatzung eingewanderte Russen, von denen viele sich immer noch als „Sowjetmenschen“ definieren und den estnischen Staat ablehnen. Deren Integration geht nur langsam voran und sie werden von Russland immer wieder zum Vorwand genommen Estland Menschenrechtsverletzungen vorzuwerfen. Die Furcht, diese Bevölkerungsgruppe könnte sich eines Tages als „fünfte Kolonne“ einer erneuten russischen Einflussnahme erweisen, ist unter den Esten nach wie vor groß. Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine haben diese Furcht noch weiter bestärkt.

 

axel1Autorennotiz:
Axel Jagau, geboren 1969 in Hamburg, 1991 Übersiedlung nach Estland. Studium der estnischen Philologie an der Universität Tartu. Arbeit als Universitätslektor für Germanistik, seit 2012 freiberuflich als Übersetzer. Lebt in Tartu (Estland).