Daw Ang Suu Kyi ist eine Symbolfigur des gewaltlosen Widerstands. 15 Jahre ihres Lebens hat sie in politischer Haft gesessen oder unter Hausarrest gestanden, durfte in dieser Zeit nicht reisen, keine Gäste empfangen und nicht unzensiert kommunizieren. Aber sie hat eine Mission.

Ihre Biographie bündelt die ganze Tragik eines Volkes, spiegelt das Leid und die Hoffnung auf Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung. Schon mehr als 50 Jahre wird es von einer erbarmungslosen Militärdiktatur geknechtet. Aus diesem fast vollständig isolierten Land erreichten uns bis vor kurzem nur schreckliche Meldungen wie aus anderen Diktaturen. Berichte über Unterdrückung von ethnischen Minderheiten und jeder Form von Freiheitsbestrebung. Zuletzt hat die Arme 2011 den vereinbarten Waffenstillstand mit der Kachin Independence Army gebrochen, einer seit 52 Jahren existierenden Gruppe von Aufständischen. Die Arme griff einfache Bauern in ihren Dörfern an und beging widerwärtige Gräueltaten gegen Zivilisten. Die erschütternden Berichte von mutigen Journalisten erweckten nur selten internationale Aufmerksamkeit. Auch vor den hoch geschätzten Mönchen machte das brutale Regime nicht Halt. So gab es 2007 bei zunächst friedlichen Demonstrationen gegen Treibstoffknappheit eine explosionsartige Entladung des Volkszorns gegen Unterdrückung, Staatsgewalt und Willkür. Die Demonstration geriet außer Kontrolle und wurde blutig niedergeschlagen. Die Welt nahm diese Katastrophe zur Kenntnis. Wirtschaftssanktionen blieben in Kraft. Das war es aber auch schon. Internationale humanitäre Hilfe nach dem verheerenden Wirbelsturm Nargis, mit Überflutungen des Irrawaddy-Deltas, die im Mai 2008 nach Schätzungen 140.000 Todesopfer forderte und 2,4 Millionen Menschen Not und Elend brachte, darunter mehr als einer Million Obdachlosen wurde dem leidenden Volk in nicht nachvollziehbarer Arroganz der Herrschenden abgewiesen. Nur zögerlich gab das Regime nach und erlaubte Hilfe von außen. Wegen der Missbräuche, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung wurde die Militärdiktatur vor dem internationalen Gerichtshof angeklagt.

Eine verhinderte Laufbahn

Myanmar, einst britische Kolonie mit dem heute noch verwendeten Namen Burma (im deutschsprachigen Raum Birma) ist fast doppelt so groß wie Deutschland mit ca. 54 Millionen Einwohnern. Wirtschaftlich steht Burma am Abgrund, es gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Wegen der scharfen Sanktionen kann es nur noch Handel über Schlupflöcher mit Verbündeten wie China und Thailand führen. Die Geschichte dieses vorwiegend buddhistisch geprägten Vielvölkerstaats ist die moderne Leidensgeschichte eines Volkes auf dem Wege von der Unterdrückung und Ausbeutung durch die Kolonialmacht England auf dem Weg zur Demokratie, Selbstbestimmung und Freiheit. Dieser Weg ist sehr lang, aber es gibt eine Konstante, es gibt eine Wegbegleiterin, die treu und mutvoll zu ihrem Volk und zu ihren eigenen Prinzipien steht.

Daw Aung San Suu Kyi gab ihre Vision von einem demokratischen Burma nie auf. Sie trotzt allen Widrigkeiten und steht zu ihren Grundsätzen von Freiheit und Gewaltlosigkeit. Gegen die Starre der alten Herren des Militärs setzt sie eine „weibliche Vision von Gleichheit, menschlicher Würde und einer auf Güte gegründeten Macht“, wie sie in ihrem Buch Der Weg zur Freiheit schreibt. Bei ihr trifft die Unterdrückung auf die Bereitschaft zur Versöhnung. Authentisch und glaubhaft wirkt diese Frau.

Daw Aung San Suu Kyi wurde 1945, in Rangun (Britisch-Burma, seit 1989 Myanmar) als Tochter des legendären Unabhängigkeitskämpfers Aung San geboren, der 1947 während einer Kabinettssitzung von einem politischen Gegner ermordet wurde. Birma galt als ein Kronjuwel der britischen Kolonialmacht. Aung San war General in der birmesischen Freiheitsarmee, die während des zweiten Weltkrieges mit Japan alliiert war. Er führte die erfolgreiche Widerstandsbewegung gegen die britischen Besatzer. Seine Tochter wuchs ohne ihren Vater in Rangun auf. Als sie 15 Jahre alt war, wurde ihre Mutter als Botschafterin Burmas nach Indien berufen. Dort lebte sie wieder in politischen Kreisen der Oberschicht. Sie studierte Politik in Delhi, macht ihren Abschluss in Philosophie, Politik und Volkswirtschaft in Oxford. Zwei Jahre verbrachte sie mit einem Graduiertenstudium in New York, wo U Thant, ein Freund aus Birma und Generalsekretär der UNO war. Nach ihrer Rückkehr nach England heiratete sie einen Mitstudenten, Michael Aris. Dort lebten sie mit ihren zwei Söhnen ein wenig aufregendes Leben. Sie verbrachte allerdings einige Zeit in Japan auf den Spuren ihres Vaters, der dort studiert hatte. Es folgte ein Stipendium in Kioto, sie wurde Sekretärin der Vereinten Nationen in New York, schließlich Generalsekretärin der National League for Democracy (NLD).

1988 übernahm sie in Burma den Parteivorsitz der NLP, 1990 gewann ihre Partei 82 Prozent der Sitze. Der Wille des Volkes hatte entschieden, doch die Militärjunta weigerte sich, diesen Sieg der Demokratie anzuerkennen. Mit diesem Wahlausgang hätte sie eigentlich als Staatschefin das Militärregime ablösen sollen, stattdessen wurde sie unter Hausarrest gestellt, sie, die „Lady“, wie diese Oppositionspolitikerin in ihrer Heimat liebevoll genannt wird – wegen ihrer würdevollen Ausstrahlung, ihrer zarten Gestalt und ihrer eleganten Kleidung und der Blume, die sie stets im Haar trägt. Ihre Markenzeichen sind das anmutige Lächeln und der unerschütterliche Humor, den sie sich bewahrt hat. Sie erinnert damit an den Dalai Lama. Ihr Ehemann starb 1999 in England an Krebs. Ihm wurde ein Einreisevisum verweigert. Aung San Suu Kyi hätte ihr Land zwar verlassen dürfen, dann aber nicht wieder zurückkehren können. Sie hat sich für ihr Volk entschieden – in Absprache mit ihrem Ehemann, mit dem sie vereinbart hatte, dass er ihre Entscheidungen für ihr Volk nicht in Frage stellen würde. Ihre beiden Söhne leben in England, sie hat sie jahrelang schon nicht mehr gesehen.

 Ein neuer Frühling

Heute berichten die Medien wieder verstärkt über sie und ihre Vision. Das Regime hat 2010 nach einer inszenierten Wahl offiziell die Militärjunta abwählen lassen und mit bescheidenen Reformenansätzen begonnen. Skepsis bleibt angebracht, denn General Thein Sein hat nach seiner Wahl einfach seine Uniform gegen einen Anzug getauscht und lässt sich seither als Präsident einer zivilen Regierung ansprechen. Dennoch blüht seither Hoffnung auf einen friedlichen Wandel auf. Suu Kyi wurde im März 2010 aus dem Hausarrest entlassen. Gleich darauf hat sie ihre politische Aktivität wieder aufgenommen. Sie darf sich wieder frei bewegen und hat mit ihrer Partei am 1. April 2012 einen grandiosen Wahlsieg errungen. Sie selbst hat in ihrem Wahlbezirk 90 Prozent der Stimmen gewinnen können, die NLD insgesamt 42 von 45 Mandaten. Damit wurden die kühnsten Erwartungen übertroffen. Dies sei ein Triumph des Volkes, sagte sie in einem Fernsehinterview und ergänzte, dass sie hoffe, damit eine neue Ära beginnen zu sehen. Allerdings schränkte sie die Erwartungen deutlich ein, als sie von einem Journalisten gefragt wurde, wie sie den Wahlsieg einstuft auf einer Skala der Demokratisierung von 1 – 10. Ihre Antwort war: eine Eins! Der Wahlkampf hatte sie an die Grenze völliger Erschöpfung gebracht, so dass sie sich in der letzten Phase für einige Tage zurückziehen musste.

Wo immer sie auftritt, reagieren die Menschen mit Ehrfurcht, Ergriffenheit und Euphorie. Sie tragen T-Shirts mit ihrem Konterfei und schwenken Fahnen ihrer Partei. Noch vor zwei Jahren wären sie allein schon für den Besitz eines Bildes von ihr im Gefängnis gelandet. Unvorstellbar auch: es gibt Fanartikel rund um die Lady, Aufkleber, Poster, Bilder und Devotionalien mit ihrem Antlitz. Niemand hatte sich früher getraut, öffentlich über Politik zu reden, überall lauerten Spione. Jetzt stehen die Türen der Parteiniederlassung der NLD wieder offen, auf dem Dach flattert die Parteiflagge in Rot mit dem Stern und dem angreifenden Pfau, Birmas nationalem Symbol. „Die Angst ist weg, weil die Lady kommt“  titelt der Spiegel einen Artikel über den Wahlkampf. Schon wird vom „Birmesischen Frühling“ gesprochen. Schon wird in westlichen Nationen eine Lockerung der internationalen Wirtschaftssanktionen diskutiert, die seit 1990 in Kraft sind, um dem Land wieder auf die Beine zu helfen, das Land wieder in der Völkergemeinschaft zu begrüßen.

Kraft aus buddhistischer Weisheit

Worin liegt das Geheimnis dieser Frau, die in ihrem Land wie eine Göttin verehrt wird und die im Westen als Ikone der Demokratie gefeiert wird? Der dokumentarische Spielfilm „The Lady“ von Luc Besson,  der jetzt auch in Europa zu sehen ist, zeigt eine tief bewegende, der Wirklichkeit entsprechende realistische Szene: Im April 1989 standen während einer Wahlkampftour Soldaten in Formation, mit dem Auftrag, Suu Kyi und ihre Parteifreunde zu erschießen. Sie allein schreitet mit festem Blick und sicherem Gang direkt auf die Soldaten zu. Der Film zeigt sehr eindrucksvoll die verzweifelten Gesichtern der Befehlsempfänger. Auf dieses Erlebnis angesprochen, sagte Suu Kyi später: „Es schien so viel leichter, ihnen nur ein Ziel zu bieten.“ Der Schießbefehl wurde von einem Offizier mit höherem Dienstgrad im letzten Moment aufgehoben. „Wir gingen einfach durch die Reihen der dort knienden Soldaten, von denen einige tatsächlich innerlich erschüttert waren und vor sich hinmurmelten“, erinnerte sich Suu Kyi. Ein zweiter Mordanschlag scheiterte ebenso. Sie überlebt diesen minutiös geplanten Anschlag 2003 während einer Wahlkampagne dank der Geschicklichkeit und dem Mut ihres Fahrers. Es gibt keinen Zweifel an diesem staatlich beschlossenen Komplott, da der verantwortliche General zugegeben hat, diese Aktion sei seine Idee gewesen. Mehr als 70 Parteifreunde Suu Kyis kamen damals ums Leben.

Nach diesem zweiten Mordanschlag verbrachte sie mehr als sieben Jahre unter Hausarrest. Als sie dannwieder in der Öffentlichkeit erschien, gab sie schon aufgrund ihrer Ausstrahlung, Anlass für Gedanken über ihr Wesen. Sie schien nicht gealtert zu sein, äußerlich fast unverändert, ungebrochen in ihrem Willen zur Freiheit, mit der gleichen freundlich-heiteren Ausstrahlung einer fast überirdischer Dimension. Peter Popham schreibt in seiner Biographie  „Die Lady und der Pfau“, sie sei nicht nur „unverletzbar gegen Gewehrkugeln und Schlagstöcke; sie habe offensichtlich das Elexir des ewigen Lebens getrunken“. Derartige Übertreibungen sind manchmal hilfreich, um weitere Fragen zu stellen.

Das Buch Aung San Suu Kyi: Der Weg zur Freiheit gewährt tiefe Einblicke in ihre moderne buddhistische Lebensweisheit. Frau Suu Kyi sagt, dass sie nie der Versuchung verfallen sei, ihre Peiniger zu hassen. Wenn sie es getan hätte, so meint sie, wäre sie ihnen wirklich ausgeliefert gewesen. „Sobald ich anfangen würde, Hass gegenüber denjenigen zu empfinden, die mich eingesperrt haben, hätte ich mich selbst zum Scheitern gebracht.“ Gefragt, was Sie für die Zukunft unseres Planeten erwarte, und ob sie noch eine Hoffnung für die Menschheit habe, antwortet sie: „Ja, ich hege noch Hoffnung, weil ich etwas tue. Ich versuche meinen Beitrag zu leisten, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, also muss ich Hoffnung haben. … Ich glaube allerdings, dass es sehr, sehr viele Menschen gibt, die sich mit all ihren Kräften bemühen, die Lage zu verbessern. Ich meine einfache Menschen, die noch ein mittlerweile aus der Mode gekommenes Pflichtgefühl gegenüber der menschlichen Umgebung spüren, in der sie leben.“

Dieses Leitmotiv ihres Lebens wird noch klarer, wenn man ihren Essay „Auf dem Wege zu einer wahrhaften Zuflucht“ liest: „Nicht einmal der kleinste Lichtschimmer kann von all der Dunkelheit der Welt verschluckt werden, weil die Dunkelheit nur die Abwesenheit von Licht ist. Aber ein kleines Licht kann die weite Glocke der Düsterheit um uns nicht erhellen. Es muss stärker werden“. Für sie bedeutet Licht, dass auch die Dinge, die man nicht sehen will, gesehen werden.

Geburt eines Mythos

Es ist diese Fähigkeit der inneren Stärke, diese Ausstrahlung, diese Heiterkeit, dieser Mut, alles, was sie umgibt, während ihre Widersacher nachgeben, aufgeben und Kompromisse anbieten, um ihr politisches Überleben zu sichern. Sie bleibt ihren Prinzipien treu, wiederholt in stoischer Gelassenheit und buddhistischem Gleichmut immer wieder das, woran sie glaubt.

Schon vor vielen Jahren entstand in ihrem Land ein Mythos um ihre Person. Sie sei mehr als ein menschliches Wesen, vielleicht ein Bodhisattva, ein lebender Buddha, geboren, um das Volk aus der Not zu retten. Ein Heilsmythos war geboren. Legendenbildung bestätigt dies. So wird berichtet, Buddha-Statuen im ganzen Land hätten begonnen, aus der linken Brust Tränen zu vergießen. Dies wurde als Bestätigung ihrer übernatürlichen Existenz gesehen, da die linke Brust, aus Mitleid weinend, im Volksglauben das weibliche Prinzip verkörpert. So sei sie bestimmt, ihren Weg zu gehen.

Die internationale Wertschätzung und Würdigung dieser Frau steht diesem Volksglauben in nichts nach. Sie schrieb sich in das Bewusstsein der Welt als eine Art politische Heilige ein. Kritiker finden keine überzeugenden Argumente gegen sie. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, einfach zu akzeptieren, dass diese Frau eine außergewöhnliche Persönlichkeit ist. Es tut gut, einen solchen Menschen unter uns zu wissen.