Recherche vor Ort - da bleibt kein Auge trocken!

Recherche vor Ort – da bleibt kein Auge trocken!

Vor kurzem war ich in meiner bayrischen Heimat, beruflich. Es war September und ziemlich schwierig für das kurzfristig angesetzte Meeting in München ein Hotelzimmer zu finden. Die bedauernden Absagen wurden mit einem „Mir ham die Wiesn!“ kommentiert. Aha, dachte ich und als ich daraufhin nicht mehr hochdeutsch, sondern im Dialekt nach Unterkunft anfragte und vorgab zu einem Familientreffen nach „Minga“ zu kommen, gab es erfreulicherweise plötzlich doch noch ein Zimmer bei Motel One am Ostbahnhof, mit allerdings 50 Euro Wiesn-Aufschlag!

Schon am Flughafen deutete vieles aufs Oktoberfest und man hätte hier gleich eine Dirndl-Komplett-Ausstattung für 79,99 € erwerben können. Ich schaute etwas belustigt durchs Schaufenster des Trachten-Shop, machte ein Smartphone-Foto, um es Freundinnen als „Verrücktheit“ weiterzuleiten und dachte, na das ist wohl für ein paar ganz besonders eifrige Oktoberfest-Besucher gedacht! Angekommen im Hotel, schienen mir die anderen Hotelgäste einer großen Trachtengruppe anzugehören. Bis mir am nächsten Morgen beim Frühstück klar wurde, dass es sich um lauter voneinander unabhängige Einzelpersonen oder kleinere Reisegruppen handelte, um Schweden, Australier, Spanier und Amerikaner – allesamt jedoch in einheitlichem Wiesn-Outfit. Nur ich hatte keines!

Als ich in die Firma kam, in der unser Meeting stattfand, begrüßten mich die dortigen Kooperationspartner – in Tracht. Also in richtiger Tracht, die die echten Münchner dann doch von angereisten billigen Bierzelttrachtlern unterscheidet. Die Mitarbeiterinnen trugen nicht etwa modisch aufgepeppte Pseudo-Dirndl, sondern klassische Originale. Ich stand etwas außerirdisch in meinem bunten Desigual-Kleid da. Die Kolleginnen übersahen aber die modischen Abgründe und weihten mich augenzwinkernd für den Abend (ich würde ja sicher auf die Wiesn gehen!) in die Schleifen-Geheimnisse der Dirndlschürzen ein: Links gebundene Schleife bedeute „Ich bin frei”. Die Schleife rechts signalisiere „Ich bin in festen Händen”. Schließlich trat der Chef der Firma in den Raum und begrüßte mich in echter Hirschlederner. Kein billiges Imitat, keine „Kasperlhosen“ mit Phantasie-Schnickschnack. Nein, eine Originale mit Stickereien, dazu Wadlstrümpf. Für Lederhosn, das muss ich zugeben, konnte ich mich immer schon begeistern! Es schien mir sogar eine echte „Krachlederne“ zu sein, also eine Hose, die nach einigen Jahren im Bierkampfgetümmel auch ohne ihren Besitzer stehen kann.

Mit Lederhosen ins Büro

In einer Meeting-Pause nahm ich die Münchner Abendzeitung zur Hand und studierte den Hauptartikel, ob man in Dirndl oder Lederhose zur Arbeit gehen dürfe? Ich las, dass bei der Behörde Tracht „selbstverständlich erlaubt“ sei! Bei BMW sei Tracht im Büro ebenfalls erlaubt: „Das Oktoberfest gehört zu München wie das Unternehmen BMW.“ Nur im Werk seien Dirndl und Krachlederne nicht erlaubt – wegen des Arbeitsschutzes. Im Jüdischen Museum am St. Jakobs-Platz dürfe man in Dirndl und in Lederhosen ins Büro kommen – „nur nicht betrunken“. Beim Europäischen Patentamt in der Isarvorstadt sei Tracht im Büro „gang und gäbe, das wird begrüßt, auch im Management“. Auch Vorstände trügen mal Tracht. Für viele der 4000 – oft ausländischen – Mitarbeiter sei sie „ein Stück Integration“. Im Polizeipräsidium galt „lageangepasste Kleidung“. Nur auf der Wiesnwache trügen manche Kollegen Tracht. Zivilpolizisten könnten „theoretisch“ in Tracht auf Streife gehen, es sei aber unpraktisch – wo verstecke man in Lederhosn seine Dienstwaffe?

Auf dem Weg zurück ins Hotel fühlte ich mich in die S-Bahn-Gemeinschaft wenig integriert, überall Dirndl und Lederhosen. Insbesondere die bayrische Jugend war cool in Tracht unterwegs. Die ganze Stadt schien nach Feierabend auf dem Weg zum Oktoberfest! Manche mit Herzerln behangen. Der daraus entstehende Sog ergriff auch mich und nach einigen Fluchtgedanken (was soll eine dirndllose Vegetarierin, Nicht-Biertrinkerin ohne Schleifensignal (!) auf dem Oktoberfest!!!!???) und Übersprunghandlungen (Einkaufen) war ich schon auf dem Weg zur Wiesn. Jetzt getarnt in dirndl-ähnlichem Kleid, na ja.

An der U-Bahn Station „Theresienwiese“ begrüßte eine warme freundliche Frauenstimme aus dem Lautsprecher die Fahrgäste zum Oktoberfest. An jeder U-Bahn-Türe, die sich öffnete, standen gut geschulte Helfer, die uns zuerst herausließen, um dann die Sturzbetrunkenen, die nach Hause oder sonstwohin wollten, freundlich in die Abteile zu bugsieren. Dabei war wichtig,  sich außerhalb der Spuckweite der Rauschigen aufzuhalten. Nicht umsonst fand sich auf einer Zeitung die Schlagzeile „München kotzt!“

 Im Herzkasperlzelt wars gemütlich

Zum Glück hatten mir die Kolleginnen das „Herzkasperlfestzelt auf der „Oidn Wiesn“ ans Herz gelegt („Das ist was für Sie!“). Dieses Herzkasperlzelt ist ein alternativer Sonderbezirk für all jene anspruchsvoll Verkopften, GesundesserInnen und ÄsthetInnen, die einem richtigen Rausch aus unerfindlichen Gründen nichts abgewinnen können und die im Wahnsinn der normalen Wiesnzelte einen Herzkasper bekämen! „Im Herzkasperlfestzelt da danzens ned wie die Narrischen auf de Disch!“, hatte die Münchner Kollegin illustriert und darauf hingewiesen, dass dort zwei Wiesn-Wirte vegetarische, ja sogar vegane Gerichte anböten. Auf der Speisekarte fand ich Sojamedaillons in Rahmsoße und vegane Käs-Spätzle unter dem Motto: „Auch Vegetarier feiern gern“! Der Sprecher der Wiesn-Wirte, hieß es, sähe allerdings nicht unbedingt Bedarf für spezielle vegetarische oder vegane Gerichte auf dem Oktoberfest. Bier, Brezn, Radieserl, Radi seien vegan!

Ich muss sagen, im Herzkasperlfestzelt war’s gemütlich. Ich war schnell integriert, weil auch ein paar andere dunkle Johannisbeerschorle tranken und vegane Semmelknödel aßen.

Auch s’Obandln hielt sich hier in angenehmen Grenzen: „Hock de her, Madl! Derf e da a Rosn schieassn? – Mogst a Stück von meiner Brezn?“ – Auf ein After-Wiesn-Event musste ich allerdings verzichten, dazu fehlte an mir dann doch das Dirndl.

 

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