Aufgenommen in den Kanon: Postkartenständer mit deutschen Geistesgrößen in Weimar Foto: Heisterkamp/Info3

Aufgenommen in den Kanon: Postkartenständer mit deutschen Geistesgrößen in Weimar Foto: Heisterkamp/Info3

Beim Erscheinen dieses dritten Bandes der „SKA“ kommt fast schon so etwas wie Gewohnheit auf, und doch ist es immer noch etwas Besonderes, dass im gleichen Verlag, in dem neben vielen anderen großen Namen auch Böhme, Fichte oder Schelling mit ihren Gesamtausgaben erscheinen, nun im Rahmen der Steiner-Ausgabe die Philosophischen Schriften Steiners herausgekommen sind. Wahrheit und Wissenschaft und Die Philosophie der Freiheit füllen mitsamt Einführungen und Apparat mehr als 400 Buchseiten. Wie bei historisch-kritischen Ausgaben üblich, dokumentiert die Edition an entsprechenden Stellen die Textgenese und unterschiedliche Lesarten, bei beiden Werken vor allem auch die Überarbeitungen Steiners anlässlich von Neuausgaben. Neben dem ausführlichen Namens- und Sachregister gehört zum wissenschaftlichen Apparat ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis (auch mit den wichtigsten Texten von anthroposophischen Autoren) sowie ein Stellenkommentar mit Zitatnachweisen und ergänzenden Ausführungen. Bezüglich der Philosophie der Freiheit hat der Herausgeber hier vor allem die teilweise vernichtende Kritik Eduard von Hartmanns festgehalten, denn der von Steiner so verehrte Philosoph hatte das Werk nach gründlicher Lektüre doch an entscheidenden Punkten als seiner Ansicht nach unzureichend zurückgewiesen. Weitere inhaltliche Diskussionen, etwa ob Steiner Spinoza gerecht geworden ist oder ob seine Abgrenzung von Hegel zutrifft, sind im Stellenkommentar eher Andeutung und mussten es wohl schon aus Platzgründen auch bleiben.

Rudolf Steiners „Schriften Kritische Ausgabe“ (kurz SKA) im Verlag frommann-holzboog sind ohne Zweifel ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur akademischen Aufarbeitung der Anthroposophie. Woran hier beispielsweise angeknüpft werden könnte, zeichnet sich im Vorwort ab: Der Philosoph Eckart Förster hebt da etwa Steiners Idee eines  sinnesunabhängigen, reinen Denkens hervor und meint, die heute naturalistisch geprägte Philosophie wäre gefordert, sich damit auseinandersetzen. Wenn er als Gegenwartsautoren Thomas Nagel und Holm Tetens anführt, mit denen sich in Richtung eines neuen Geist-Realismus argumentieren lässt, geht das in die richtige Richtung. Bemerkenswert ist ebenfalls Försters Sinn für den künstlerischen und organismischen Aufbau der Philosophie der Freiheit.

Praktische Realisierung des deutschen Idealismus

Voller Wertschätzung für Steiners Grundwerk äußert sich auch Herausgeber Christian Clement in seiner Einleitung. Rudolf Steiner „nahm zentrale Themen der neueren und neuesten Philosophie vorweg“ und sei „auch als Philosoph ein Zeitgenosse“, heißt es da, der darauf aufbauende Kulturimpuls der Anthroposophie sei eine „beispiellose Realisierung jener Vision des deutschen Idealismus von einer wirklich ins Leben eingreifenden und dieses in allen Bereichen gestaltenden Philosophie“. Clement greift auch den oft erhobenen Vorwurf auf, Steiners erkenntnistheoretische Arbeiten seien keine „richtige“ Philosophie und stellt dagegen das Selbstverständnis Steiners,  in philosophischer Form eher eine „innere Biographie“ seiner geistigen Erfahrungen geschrieben zu haben. Seine Werke seien „in philosophische Terminologie gekleidete Mystik“.

Damit ist auch die Frage der Kontinuität in Steiners Weg vom Philosophen zum Esoteriker berührt. Der Herausgeber wagt sich durchaus konstruktiv an die Frage, ob der Freiheitsphilosoph Steiner nicht vom späteren Esoteriker, der wesentliche Impulse der Geschichte als von höheren Mächten gelenkt deutete, korrigiert worden sei. Clement selbst legt hier als Lösung den Gedanken nahe, dass die Esoterik Steiners manches in gravitätische Bilder kleide, was als Kräfte und Prozesse in Wirklichkeit vom Menschen selbst ausgehe und ihn nur scheinbar von außen bestimme. Diese erkenntnistheoretisch moderne Sicht geistiger Welten hat ihm bereits zuvor bei manchen Anthroposophen den Vorwurf eingebracht, geistige Realitäten zu menschlichen Konstrukten zu degradieren. Wäre es nicht umgekehrt im Sinne der „Weisheit vom Menschen“ nur schlüssig, tatsächlich den Menschen als Urbild und Urmotiv allen Weltgeschehens zu begreifen, wie dies die Spiritualität aller Zeiten auch immer wieder getan hat?

Ausbaufähige Frage-Räume

Das Kernstück von Clemens’ Einleitung bildet zum einen eine „intellektuelle Biographie“ Rudolf Steiners vom Jugendalter bis ins Jahr 1902, die als Dokumentation der Auseinandersetzung Steiners mit großen Denkern (wie Kant, Goethe, Fichte, Schelling und Hegel) sowie mit seiner philosophischen Gegenwart (Nietzsche, Volkelt und anderen) in den wesentlichen Zügen Steiners Intention einer Freiheitsphilosophie wiedergibt. Zum anderen skizziert Clement die zentralen Begriffe der beiden Werke und öffnet dabei (durchaus kreative!) Frage-Räume, die sich vor allem mit den Unterschieden der Fassungen der Philosophie der Freiheit von 1894 und 1918 öffnen.

Eine derart von innerem Verständnis getragene Einführung in die Philosophie Steiners in einer wissenschaftlichen Publikation zu lesen ist eine reine Freude, zumal eine Beschäftigung damit in fachlichen Kreisen noch so gut wie gar nicht stattgefunden hat. Umgekehrt irritiert die seit Längerem von einigen Anthroposophen ausgehende Polemik gegen Clement umso mehr. Vielleicht ändern ja doch einige seiner Kritiker nach diesem Band noch ihr Urteil oder üben sich zumindest in der gebührenden wissenschaftlichen Sachlichkeit?

 

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Rudolf Steiner: Band 2, Philosophische Schriften.

Wahrheit und Wissenschaft. Die Philosophie der Freiheit.

Herausgegeben und kommentiert von Christian Clement

Mit einem Vorwort von Eckart Förster

413 Seiten, Leinen, Verlag fromman-holzboog, Stuttgart und Bad Canstatt 2016, € 108,–