Foto: Heisterkamp/Info3

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Ferienperspektive: Erholsame Unschärfe, entspannte Atmosphäre. Bis die Nachrichten einschlagen. Istanbul. Bagdad. Und dann Nizza. Und wieder. Würzburg. Kabul. Ansbach. Und noch einmal. München. Und Bagdad. Die Gesamtschau wird wichtiger als das Einzelereignis. Das gilt für alle Atmosphären, auch für die des Schreckens.

Die Tage rücken enger aneinander. Zielloses Treiben darf im Urlaub Tagesinhalt sein, doch stellt sich das Gleiten auf der Zeit diesen Sommer nicht ohne Reibung ein. Eilmeldung auf Eilmeldung. Die Ferienzeit, die sich immer der Zeitlosigkeit entgegen dehnte, gerät in den nun auch aus dem Takt geratenen Taumel der Nachrichten. Es ist immer jetzt. Brennpunkt für Brennpunkt. Näher und doch nicht greifbarer. Löcher, die sich in die Wirklichkeit stanzen und die Zeit wach halten. Sie vergeht wie immer und hält doch still, etwas geht durch sie hindurch, das kein Wohin kennt. In uns haust eine Frage, die uns übersteigt. Was ist da? Experten reden von  Radikalisierungsgeschwindigkeiten und dem Verschwimmen von Täterprofilen. Wir schielen auf die Timeline, als könne sie uns sagen, ob wir schnell noch auf dem Weg in den Urlaub die eine oder andere Kathedrale in Frankreich besichtigen sollen, zusammen – mit den Kindern? Oder besser nicht?

Die Kinder. Die Ereignisse haben eine Dimension, die das Überwältigende aus der Zukunft in die Gegenwart treibt. Der Moment, der alles verändern kann, muss nicht erst kommen, er hat sich schon ereignet, in uns. Was wir antizipieren können, spielt fortan eine Rolle in unserem Erleben von Wirklichkeit. Wie viel Zukunft geht verloren in diesen Tagen, die den Schrecken zum Alltagsgesellen werden lässt? Die Zeit wird dichter. Die Zukunft liegt nicht in der Ferne, sie ist der allernächste Nachbar des Jetzt, und plötzlich wohnen unsere Kinder in dem Haus von morgen, das wir nicht betreten können, wie – viel zitiert – Khalil Gibran einst schrieb. Aber was ist das für ein Haus?

Vita brevis. Niemand weint mit geschlossenen Augen. Wir sind Zeugen, und die Geschehnisse sehen uns an. Wir können sie nicht herausdrängen aus der Atmosphäre, in der wir leben. Ist es trotzdem möglich, abzutauchen in das Immerwährende, die Zeitlosigkeit der Tage, die vom Erleben gesättigte Jetztzeit, in der es reicht, gemeinsam in der Welt zu sein?

Es gibt einen Raum in uns, den wir (so) zuvor nicht kannten. Besorgnis, Unruhe, Bedenken, Ängste – sie übersteigen das Gewohnte, sind nicht länger – mal leise, mal laute – Brandung, sie perforieren die Zeit entlang einer unsichtbaren Linie und fordern von uns eine unmögliche Vorsicht. Die Wirklichkeit ist bedroht. Jeden Moment kann sie reißen. Mehr denn je wollen wir uns dem Leben verbinden, dem, das da ist, nah ist, in uns und neben uns. Wir können nichts vorhersehen und nichts wissen. Aber wir sind. Entlang fadenloser Nähte, die unser Dasein aufräufeln. Jetzt. So weit. Kurz oder lang. Wir wissen es nicht.