Alles sind Schulden, die uns Gott – im „Vater unser“ – vergeben möge, unseren Schuldigern sollen wir vergeben, Schulden sollen wir zurückzahlen. Aber die Religionen sind sich sehr uneins darüber, ob wir Menschen das mit Zinsen tun sollen. Erst Calvin war so frei und meinte, das sollten wir kräftig tun. Die Staaten, ob nun der „Leviathan“ oder ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen, machen Schulden, nehmen Kredite auf, was mit dem Vertrauen zu tun hat, dass sie nämlich zurückerstattet werden. Deshalb ist die Philosophie der Menschheit eine Schuldenphilosophie. So kann man das opus mirandum von David Graeber auch resümieren: Es ist eine Soziologie, eine Philosophie und stellenweise unorthodoxe Theologie des Geldes, der Schulden, der Kredite, der Lebensformen, unter denen verschiedenartig mit Schulden und als Schuldiger gelebt wird.

Das Buch befreit uns vom Aktualitätsterrorismus. Schulden beginnt als Buch und als Recherche vor 5.000 Jahren. Die uns sonst täglich und stündlich überfallende Aktualität lässt den Autor ganz kalt. Wie angehängt an die wichtigen Hauptkapitel wirkt das letzte Kapitel des Buches: „1971 – der Anfang von etwas, das noch nicht bestimmt werden kann“.
1971 geschieht etwas, von dem man noch nicht weiß, warum es geschah. Es kann mit den finanziellen Lasten des Vietnamkrieges für die USA zusammenhängen. Wir wissen noch nicht, ob es eine Revolution oder nur eine weitreichende Finanz-Entscheidung war: Präsident Richard Nixon löste die Bindung des US Dollar an das Gold. Seither kann nun jeder Geld aus dem Nichts produzieren und schöpfen, es gibt kein Halten mehr. Gold und Silber wurden für das Geld genommen, weil sie einen Wert hatten (und haben), der weltweit anerkannt wurde: Die Prägung einer Regierung bestätige nur das Gewicht und die Reinheit einer Münze. Das war noch zur Zeit des britischen Philosophen John Locke und der Sir Isaac Newton so. Die Newtonsche Ökonomie, so Graeber, also die Annahme, man können Geld nicht einfach erzeugen oder auch nur manipulieren, wurde allgemein akzeptiert. Das System musste eine solide materielle Grundlage haben, weil es sonst außer Kontrolle zu geraten drohte. Die Ökonomen diskutierten Jahrhunderte lang darüber, wie diese Grundlage auszusehen hatte. Konnte es das Gold sein oder der Boden die menschliche Arbeitskraft der Nutzen von Gütern?

Magie der Papier-Währung
Es steckt viel Magie und Psychologie in dem Phänomen des Papier-wie-Münz-Geldes. Die Tatsache, dass 1971 die Goldbindung der Dollar-Währung abgeschafft wurde, hat viele Amerikaner nach dem 11. September nicht gehindert, sich nach der Zerstörung der Twin Towers zu fragen: „Was ist mit dem Gold geschehen? Ist es sicher aufbewahrt? Wurden die Tresorräume zerstört?“ Man glaubte, dass ein Heer von Katastrophenhelfern sich den Weg durch kilometerlange überhitzte Tunnel bahnte, um Tonnen von Gold in Sicherheit zu bringen. Nach einer besonders fantasievollen Verschwörungstheorie war „der Terrorangriff in Wahrheit von Spekulanten inszeniert, die wie seinerzeit Richard Nixon den Wert des Dollars in den Keller drücken und den Goldpreis in die Höhe treiben wollten – indem sie die Reserven zerstörten oder sie stahlen“.

Man hat Graeber gleich als Anarchisten apostrophiert und als prominentes Mitglied der Occupy Bewegung, wenn sie denn so ordentlich wäre und eine Mitgliederkartei hätte. Man muss in Deutschland aber zurückgehen zu der von Albert Camus wiederentdeckten großen Tradition der Anarcho-Syndikalisten und der Libertären, um ein wirklichen Vergleichsmoment für diesen Autor Graeber zu finden. „Ich“ sagt er ganz selten. Und wenn, dann mit Bezug auf das, was er gerade unkonventionell beschreibt: „Als jemand, der in einer Arbeiterfamilie aufwuchs (mein Bruder, der im Alter von 53 Jahren starb, weigerte sich sein Leben lang, eine Kreditkarte zu erwerben) kann ich bestätigen, dass die Möglichkeit, im Portemonnaie Geldscheine bei sich zu tragen, die unzweifelhaft dir gehören, einem Menschen, der den Großteil seiner wachen Stunden den Anweisungen anderer Personen zu folgen hat, ein Gefühl der Freiheit geben kann.“
Der Anarchismus von Graeber ist gespeist durch sein Misstrauen gegenüber dem Militär und den exorbitanten Summen, die vom Steuerzahler dafür ohne Mühe immer weiter eingetrieben werden. Weshalb er den Schachzug von Richard Nixon als „Schuldenimperialismus“ bezeichnet. Bisher ist ja die Rückkehr zum virtuellen Geld nicht etwa begeleitet worden von einer Abkehr von Krieg und Militär. Vielleicht im Gegenteil. „Die neue globale Währung ist noch fester in der militärischen Macht verwurzelt als die alte“.
Die neuzeitlichen Institutionen, die man, so meint der Autor, mit den Gottkönigen des antiken Vorderen Orients und den Kirchenoberen des Mittelalters vergleichen könnte, wurden nicht geschaffen, um die „Schuldner zu schützen, sondern um die Ansprüche der Gläubiger durchzusetzen“. Der IWF sei die Krönung dieser globalen Bürokratie in den Händen der USA. Die Politik des IWF bestehe darin, dass die Schulden fast ausschließlich aus den Taschen der Armen beglichen werden, was ja auch zu einer „globalen sozialen Rebellion“ geführt hat, auf die eine Finanzrevolte in Ostasien und Lateinamerika folgte.
Eine Frage bleibt mir nach der anstrengenden Lektüre: warum musste dieses Buch so dick und lang werden? Man kommt gleich auf den ähnlich auf dicke Bücher versessenen Karl Marx. Gewiss, nur der hatte die strategische Weitsicht, das Ganze in einer die Welt bis gestern (?) erschütternden Kürzestform herauszubringen mit kurzen schneidenden Sätzen: „Das Kommunistische Manifest“. Dazu müsste Graeber erst kommen. Für Talkshows ist es noch lange nicht zu gebrauchen, auch wenn der Autor jüngst schon einmal bei einer in Deutschland auftauchte.

David Graeber: Schulden. Die ersten 5.000 Jahre. Klett Cotta Stuttgart 2012, 536 Seiten, € 26,95