Begegnungsfäden auf dem Bochumer Kongress Foto: Laura Krautkrämer

Denn die ehemaligen Grenzen zwischen einer anthroposophischen Binnenwelt und „der Welt da draußen“ sind längst durchlässig geworden. Anthroposophische Projekte sind selbstverständlicher Teil der Zivilgesellschaft und verstehen sich nicht mehr als „der“ Weg, sondern als eine Möglichkeit neben anderen. So zeigen die Einrichtungen der anthroposophischen Sozialtherapie ihren Beitrag zur Inklusion mit aller Offenheit für Probleme und Kritik; Otto Scharmers tiefgründige globale Analysen oder die Impulse für Direkte Demokratie sind bereits wirksame Bestandteile öffentlicher Diskurse. Insgeamt vier Podien jeweils besetzt mit Anthroposophen und anderen zivilgesellschaftlichen Vertretern gaben gegenwartsnahe Einblicke in unterschiedlichste Arbeitsfelder.

 

Ein weiteres Merkmal auf diesem Kongress: Gegensätze können ausgehalten werden, wenn beispielsweise das Mediations-Urgestein Fritz Glasl von der „Eurasischen Vision“ Putins spricht und neben ihm die aus der Ukraine stammende Christengemeinschafts-Pfarrerin Yaroslawa Black die Folgen der russischen Interventionspolitik in ihrer Heimat schildert. Oder wenn Thomas Jorberg für die GLS Bank politische Forderungen für mehr Nachhaltigkeit vorträgt, sein Vorredner Professor Niko Paech aus Sicht der Postwachstumsökonomie aber die von Jorberg erwähnte Grundeinkommens-Idee ablehnt.

 

Eine spirituelle Dimension kam mehr in den künstlerischen Improvisationen und Beiträgen zur Wirkung, etwa in eingestreuten Weisheitstexten oder einer anrührenden Bühnenfassung von Michael Endes „Momo“ (letztere unter inklusiver Mitwirkung behinderter Kinder und Jugendlicher). Von der früheren Verschrobenheit binnen-anthroposophischer Diskurse schimmerte höchstens am Rande etwas durch, wenn etwa ein Zwischenrufer das Verwenden von Mikrofonen (in einem für über 2000 Menschen ausgelegten Saal) als Symptom einer angeblich geistfeindlichen „Entmündigung“ kritisierte. Ansonsten gab es erfreulich viele junge Gesichter, eine große Buntheit von kleinen und größeren Initiativen, kontaktfördernde Spiele, hoch interessante Themen-Exkursionen und viele, viele Gespräche von Mensch zu Mensch.

 

Man muss es dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland um Michael Schmock hoch anrechnen, hier die Tradition früherer Jahresversammlungen mit frontalen Belehrungsvorträgen unterbrochen zu haben und ganz in die Rolle des Ermöglichers gegangen zu sein. Der verantwortliche Organisator Matthias Niedermann hat mit seinem Team eine glückliche Hand darin bewiesen, dem Kongress eine lockere, aber nicht beliebige Struktur zu geben. So etwas wird man, zumal in solch einer Größenordnung, nicht jedes Jahr machen können. Es ist aber sicher auch möglich, zu gezielter umrissenen Themen kleinere Veranstaltungsformate mit ähnlichem Gegenwarts-Zuschnitt zu machen. Der Bochumer Kongress hat jedenfalls Lust auf mehr gemacht.