Foto: Elke Grevel/Info3 Archiv

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Jens Heisterkamp: Wo liegt die Aktualität des Ansatzes von Herbert Witzenmann heute?

Klaus Hartmann: Ich bin überzeugt, dass es eine durchgehende Werkeinheit bei Rudolf Steiner gibt, angefangen von seinen philosophischen Frühschriften bis hin zu seinem explizit anthroposophischen Werk. Aber Steiner hat es selbst nicht geleistet, alle Übergänge und Zusammenhänge zwischen diesen Werkteilen sichtbar zu machen. Wie kann auch sein esoterisches Werk, das bei ihm nicht in einer Form erscheint, wie sie sich im europäischen Wissenschaftsdenken bis dahin ausgeprägt hatte, erkenntniswissenschaftlich erschlossen werden? Genau dies unternimmt Witzenmann in seinem Werk. Er hat nicht nur den kompositorischen Gesamtzusammenhang von Steiners Frühschriften aufgezeigt, sondern vor allem auch viele einzelne spirituelle Motive Steiners, etwa aus der anthroposophischen Menschenkunde oder der Sinneslehre, aber auch aus der Darstellung der spirituellen Weltevolution, aus dem Geist der Steinerschen Erkenntnistheorie heraus zugänglich gemacht. Er macht für ein aufgeschlossenes heutiges Bewusstsein verstehbar und zum Teil auch beobachtbar, was wesentliche Inhalte der Anthroposophie sind.

Es wird häufig gesagt, dass die Vermittlung von Steiners Werk ein Übersetzungsproblem sei – was hier angedeutet wird, ist aber mehr als eine Übersetzung in ein anderes Vokabular, sondern das Einnehmen einer ganz anderen Haltung. Hat es der Anthroposophie an einer solchen Haltung gefehlt?

Man hat häufig geglaubt, die spirituellen Inhalte bei Steiner lägen einfach vor, es ginge nur darum, diese anzuwenden. In manchen Praxisfeldern scheint das sogar zu funktionieren – für die Anthroposophie als geistigen Zusammenhang genügt das aber offensichtlich nicht.

 

Witzenmann hat manchmal von den „ursprünglichen Intentionen“ Rudolf Steiners gesprochen, an die es anzuknüpfen gelte. Was ist damit gemeint?

Steiner hatte wohl vor seiner Anknüpfung an die Theosophie gehofft, durch konsequentes Fortschreiben der Ansätze Goethes einen Weg in die geistige Welt aufzeigen zu können. Für diesen mehr wissenschaftlich-philosophischen Ansatz gab es aber bei seinen Zeitgenossen praktisch keine Resonanz. Das einzige Publikum, das an Steiner interessiert war, waren die Theosophen. Dadurch kam Steiners Impuls in ein hoch dogmatisch besetztes Feld – dass das nicht besonders glücklich verlief, sehen wir heute klarer.

Wie kam Witzenmann zu seiner Lebensaufgabe, Steiner von seinen Ursprüngen her neu zu deuten?

Witzenmann wollte ursprünglich Pianist werden, was wegen einer chronischen Sehnenentzündung allerdings nicht gelang. Er war eine künstlerische Natur und schrieb früh Hunderte von Gedichten und andere literarische Werke. Als junger Mann ist er dann in Dornach und Stuttgart Steiner persönlich begegnet. Schon Steiner hatte Kontakte zu Edmund Husserl, und Witzenmann studierte dann bei dem großen Freiburger Philosophen, neben den Fächern Musik und Ästhetik. Er begegnete kurz auch Heidegger. Parallel dazu hatte er anthroposophische Freunde. Mitte der 1930er Jahre versuchte er sich bei Karl Jaspers mit einer Arbeit über Nietzsche und Hegel zu habilitieren. Jaspers mochte aber die auffälligen Bezugnahmen Witzenmanns zur Philosophie Steiners nicht. Das Projekt kam dann allerdings ohnehin nicht zustande, da Jaspers von den Nazis aus dem Amt entfernt wurde.

Und Witzenmanns Zeit als anthroposophischer Lehrer?

Die begann nach dem Krieg in Stuttgart, wo er einführende Seminare hielt und Co-Redakteur der Zeitschrift Die Drei wurde. Es war eine außerordentlich furchtbare Periode, zusammen mit anderen Pionieren. Maßgebliche Aufsätze zur Erkenntnistheorie entstanden und erschienen später auch in Buchform unter dem Titel Intuition und Beobachtung. Witzenmann gehörte außerdem über Jahre zu den wichtigen Vortragsrednern auf allen maßgeblichen Tagungen in Stuttgart und Dornach. 1963 wurde er in den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gewählt.

Trotzdem war Witzenmann in der anthroposophischen Szene sehr umstritten – nicht allein wegen seiner Haltung in inner-anthroposophischen Konflikten, sondern wohl auch wegen seiner strengen methodischen Haltung – haben Anthroposophen ein Problem mit der Wissenschaft?

Zumindest ist da eine gewisse Angst. Witzenmann wollte zeigen, dass wir in der Erfahrung des Denkens unterscheiden können zwischen unserer eigenen Denkbewegung und einem von uns unabhängigen geistigen Inhalt – womit man bereits in einem spirituellen Erfahrungsraum steht. Es ist die geschützte Ebene eines wechselseitigen Vertrauens von Empfangen und Geben in jeder Intuition. Von dieser Ebene aus war Witzenmann bemüht, auch für den esoterischen Schutz der Anthroposophischen Gesellschaft zu sorgen, darauf zu achten, dass Denken und Handeln übereinstimmen. Mit seiner wissenschaftlich-philosophischen Haltung hat er sicher viele Anthroposophen überfordert. Heute ist das, was sich Anthroposophie nennt, immer noch von stark dogmatischen Zügen bestimmt, es gibt theosophisierte Formen ohne eigene Erfahrung, dann existierenden mystifizierende Positionen und schließlich mehr pragmatisch-intellektuelle Haltungen – insgesamt ist das aus meiner Sicht ein eher angeschlagener Organismus. Witzenmann hat demgegenüber immer eine Mitte gesucht.

Heute scheint sich auch die etablierte Wissenschaft für Spiritualität zu öffnen – es gibt etwa wissenschaftliche Meditationsforschung und ein bekannter amerikanischer Philosoph stellt den materialistischen Reduktionismus in Frage. Ist das ein offenes Fenster auch für einen Ansatz wie den von Witzenmann, der Spiritualität und Denken verbinden wollte?

Das sehe ich entschieden so. Witzenmann war von Beginn an bemüht, Anthroposophie mit den jeweils modernsten Formen der Philosophie auf eine Kommunikationsebene zu bringen – damals mit Jaspers, Sartre und anderen. Vielen Anthroposophen blieb das allerdings fremd. Heute zeigt sich auch im etablierten Wissenschaftsbetrieb ein Interesse an Steiner – ich denke hier etwa an die Arbeiten von Hartmut Traub oder die Historisch-Kritische Ausgabe im Verlag frommann-holzboog – damit sollte man sich konstruktiv auseinandersetzen. Witzenmanns Ansatz bietet sicher eine gute Ausgangsbasis dafür.

 

Biograph Dr. Klaus Hartmann mit den beiden Bänden der Witzenmann-Biographie

Biograph Dr. Klaus Hartmann mit den beiden Bänden der Witzenmann-Biographie

Klaus Hartmann: Herbert Witzenmann Teil 1. Gideon Spicker Verlag / Verlag für Anthroposophie, Dornach 2010, 390 Seiten, Leinen gebunden € 39,-

Klaus Hartmann: Herbert Witzenmann Teil 2. Gideon Spicker Verlag / Verlag für Anthroposophie, Dornach 2013, ca. 760 Seiten, Leinen gebunden € 59,-