„Roses Revolution Day“ nennt sich die Aktion, mit der Frauen seit fünf Jahren bundesweit auf das Thema der Gewalt unter der Geburt aufmerksam machen. Gewalt unter der Geburt, das meint physische und psychische Gewalt, die seelische Traumata und teils bleibende physische Schäden mit sich bringt. Hierzu zählen Nötigungen, Verletzungen der Intimsphäre, grobe Behandlungen, Demütigungen und Beleidigungen, ohne Absprache und Notwendigkeit getätigte Dammschnitte, Kaiserschnitte und Medikamentengaben sowie Zwang bis hin zu physischen Übergriffen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat 2010 in einem Urteil bestätigt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass Gebärende das Recht haben, die Umstände, in denen sie ihr Kind zur Welt bringen, frei zu wählen. 2014 hat auch die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Erklärung herausgegeben, die sich gegen Geringschätzung und Misshandlung bei der Geburt wendet.

Personalmangel und Zeitnot führen zu Übergriffen

Gewalt auf Geburtshilfestationen ist hierzulande häufig strukturell bedingte Gewalt, sie wird durch Personal- und Zeitmangel mit verursacht. In den jährlichen Erhebungen von „Rose Revolution“ berichten Mütter von Interventionsspiralen: Der Geburtstermin ist verstrichen, die Geburt wird eingeleitet – am Ende eines schleppenden Prozesses steht dann häufig ein Kaiserschnitt, ein Dammschnitt – nicht selten ohne die Zustimmung der Frauen abzuwarten bzw. die vorgeschrieben Einverständniserklärung einzuholen. Ihre Beine, so berichtet eine junge Mutter, wurden plötzlich festgeschnallt, und mit der nächsten Wehe setzte der Arzt einen Dammschnitt. Niemand wird zweifelsfrei beurteilen können, ob eine solche Behandlung wirklich ein Gebot der Stunde war, um das Leben eines Kindes zu retten. Falls sie es war, sollte es ein Bewusstsein dafür geben, dass Situationen wie diese auf Gebärende traumatisierend wirken können.

Gerade in diesem Punkt berührt die Frage der Gewalt in Kreißsälen generationsübergreifende Tabus: Über Geburtserlebnisse wird in unserer Gesellschaft kaum gesprochen. Das Kind steht im Mittelpunkt – die Geburtserfahrungen von Müttern werden ausgeblendet. Sie haben nie einen öffentlichen Diskurs Eingang finden können. Doch ein Kind ist ohne Mutter nicht denkbar: Mütter brauchen eine Möglichkeit, Erfahrungen der Ohnmacht und Gewalt unter der Geburt, die sich überlagern mögen und vielleicht häufig nicht klar voneinander zu trennen sind, seelisch zu verarbeiten. Nie wussten wir mehr über die Bedingungen, die für eine gute Bindung zwischen Mutter und Kind am Beginn des Lebens grundlegend sind, nie wussten wir mehr über die Sensibilität von Mutter und Kind unter der Geburt. Zugleich aber laufen die Entwicklungen auf den Geburtshilfestationen und im Hebammenwesen vollständig konträr zu diesem Wissen. Eine traumatisierte Mutter hat es schwer, eine gesunde Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen.

Genitalverstümmelung – auch in Europa ein Problem?

Einige Zahlen: Dammschnitte sind die häufigste Ursache für nachhaltige Schädigungen der Beckenbodenmuskulatur, die zu bleibender Inkontinenz, massiven jahrelangen Schwierigkeiten in der Sexualität oder gar zum Herausfallen der Gebärmutter führen können. In einem Artikel der italienischen Repubblica vom September 2017 wird die Zahl der Entbindungen durch Dammschnitte in Italien auf 54 Prozent angesetzt. Für Deutschland scheint es hierfür keine direkten statistischen Erhebungen zu geben, allerdings sind Verletzungen des Damms einer der häufigsten Gründe für eine längere Verweildauer von Frauen zwischen 15 und 45 Jahren in Kliniken. Marsden Wagner, langjähriger Chef der europäischen Abteilung für Mutter-Kind-Gesundheit der WHO, erachtete Dammschnitte als eine Form des sexuellen Missbrauchs und der Genitalverstümmelung. Auch die Zahl der Kaiserschnitte kann als eine Verletzung des Rechts auf Unversehrtheit betrachtet werden. Die Kaiserschnittrate ist mit 31 Prozent in Deutschland immer noch deutlich zu hoch: Der Deutsche Hebammenverband schätzt die Zahl der notwendigen Kaiserschnitte auf zehn Prozent.

Das Thema geht alle an

In einer Broschüre zum Thema „Traumasensible Begleitung durch Hebammen“ sieht der Verband einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Interessen und Gewalt in der Geburtshilfe: „In der Geburtshilfe hat die Interventionsrate in den normalen Verlauf erschreckende Ausmaße angenommen. Mütter und Kinder sehen sich mit einem System konfrontiert, das wirtschaftliche Ausrichtung und haftungsrechtliche Absicherung über ihre Rechte nach Autonomie, Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit stellt. […] Es wird begünstigt durch Personaleinsparungen und finanzielles Aushungern empathischer Betreuung, die der Entstehung von (Re-)Traumatisierungen in Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit vorbeugt.“ Der Deutsche Hebammenverband ruft mit einer von der Drogeriemarktkette dm und der Weleda unterstützten Aktion über das Internetportal „Unsere Hebammen“ zur Solidarität auf.

Denn gute Betreuung verkürzt die Dauer der Geburt, dämpft das Schmerzempfinden, verringert die Gabe von Schmerzmitteln sowie die Wahrscheinlichkeit für Kaiserschnittentbindungen und Dammschnitte. Die Briefe und Rosen vor den Türen der Entbindungsstationen haben in den vergangenen Jahren gelegentlich zu Dialogen zwischen Klinikpersonal und Geschädigten geführt. Das ist gut, sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, was intendiert ist: sichtbar zu machen, dass Frauen Leben schenken – manchmal  ohne den von der Gesellschaft im  Grundgesetz Artikel 6 verbürgten und notwendigen Schutz zu erhalten. ///

 

Weiterführende Links:

Aufruf des Deutschen Hebammenverbandes

Erklärung der WHO