Foto: Wikimedia

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Da ist es nun also, das Meinungsbild, das den Massen in den Kram passt: Eine Zusammenrottung von Männern, die Frauen an die Wäsche geht. Ein nicht geringer Teil der Presse beschäftigt sich vordergründig mit dem Thema sexualisierter Gewalt gegen Frauen, um Stimmung gegen Flüchtlinge, Schutzbedürftige, Einwanderer zu machen. Niemand, der Gewalt anwendet oder andere bestiehlt, soll in Schutz genommen werden, aber es ist wohl nur zu verständlich, dass vielen Frauen die Hutschnur hochgeht, wenn sie wieder einmal vor den Karren politischer Propaganda gespannt werden, anstatt selbst eine Stimme zu erhalten, wie Hilal Sezgin treffend in der ZEIT angemerkt hat.

Versetzt Euch in die Lage der Frauen!

Anders als in der rheinischen Hochburg des Karneval sind in Frankfurt  jenseits von Blockupy, Eintracht-Spielen und EZB-Eröffnung kritische Menschenmengen kaum bekannt. Angst in der Stadt? Ja, natürlich. Übergriffe und Diebstähle brauchen nicht notwendig die Nacht und noch weniger den Mob oder gar die Zusammenrottung von  arabischen beziehungsweise nordafrikanischen Männern. Das ist eine Kette von Klischees, die allesamt nützlich sind, um Aufmerksamkeit zu erregen und zu lenken. Überflüssig, zu erwähnen, dass es Taschendiebe überall gibt. Selbstverständlich habe ich immer die Rufnummer des Frauennotrufs mit mir, eine Alarmpfeife, die mir bei Bedarf hilft, Alarm zu schlagen, ich weiß, in welches Taxi ich einsteige, in welches nicht, wo ich besser die Straßenseite wechsle, wo ich des Nachts nicht allein mit dem Fahrrad entlangfahre. Das ist ein Kapitel, das ruhig mehr Öffentlichkeit beanspruchen darf, mit dem sich alle gerne sensibel und empathisch beschäftigen dürfen. Ja, bitte, versetzt Euch alle in die Lage der Frauen, die darüber nachdenken müssen, wann, wie und wo sie sich auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln alleine bewegen, denkt darüber nach, was es bedeutet, gefühlsmäßig, im Verhältnis zum eigenen Körper, zu anderen Menschen, aber tut es nicht wegen arabischer oder nordafrikanischer Männer. Ob mich meine lebenslang in mühevollen Einzelschritten erlernte Selbstfürsorge schützt? Ich bin schon beklaut und angegriffen worden. Letzteres am helllichten Tag in einer zentralen U-Bahn-Station in der Innenstadt. Genauso hell wie der Tag, an dem Einbrecher versucht haben, meine Wohnungstür aufzubrechen, während ich zu Hause war. Das alles gibt es hier in der Stadt und nicht nur in der Stadt. Täglich. Das kann beunruhigen, ganz unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und dem Geschlecht derjenigen, die Straftaten begehen und derjenigen, die sie erleiden.

Auch andere Ängste

Es gibt andere Ängste, die mir viel präsenter sind. Ich habe Angst, wenn Eltern ihre Kinder auf offener Straße oder im Restaurant auf eine Art zusammenstauchen, dass ich mir nicht vorstellen möchte, wie sie mit ihnen hinter verschlossener Tür umgehen – ganz unabhängig davon, ob sie auf der Goethestraße oder bei Karstadt einkaufen.  Ich habe Angst, wenn ein geistesabwesender Mitmensch mir die Vorfahrt nimmt, Angst, dass ich als Fahrradfahrerin beim nächsten Mal mit dem Kopf vor dem nächsten Laster lande. Was bedeutet es dann, wenn der Autofahrer Christ oder Muslim ist? Bedeutet es etwas? Bedeutet es etwas, wenn zehn Muslime in dem Auto gesessen haben, das mich zu Fall brachte? Mir macht es Angst, zu beobachten, zu welchen Maßnahmen große Hotels oder Läden, die viel Wert auf ein poliertes Image legen, greifen, um sich die vom Hals zu halten, die nachts ein wenig Wärme neben den Lüftungsanlagen suchen, weil sie nur einen Karton und kein Dach über dem Kopf haben. Mir macht es Angst, meinen Kindern sagen zu müssen, dass sie in der U-Bahn besser immer in den ersten Wagen einsteigen, denn beide haben schon in der Unterstufe erlebt, wie ältere Schüler versuchen, Jüngeren ihre Monatsmarken, ihre Telefone, ihre iPods abzunehmen. Das sind nur ein paar Beispiele. Allesamt nicht harmlos und wohl kaum verharmlosend. Vieles ist nicht so leicht sichtbar, spielt sich im Verborgenen ab. Ein meuchelnder Mob ist ein ideales Bild, um von struktureller Gewalt und gesellschaftlicher Ausgrenzung abzulenken. Ja, wir haben unsere Schmerzgrenzen.  Wir nehmen sie wahr. Das macht aber nur Sinn, wenn die Schmerzgrenzen aller anderen Menschen nicht außer Sicht geraten.