Marilyn

Kann das sein? Das Sexsymbol, die tragische Leinwandgöttin, deren Tod mit 36 bis heute ungeklärt ist: eine Anthroposophin? Sie, die mit Arthur Miller verheiratet, die Geliebte JFKs und mit Lee Strasberg vom New Yorker Actor‘s Studio und Marlon Brando befreundet war? Im Internet kursieren immer wieder Geschichten dazu.

MM, im Zeichen der Zwillinge geboren, fühlte sich selbst als Phantasma und als Doppelwesen. Obwohl Glück, Schönheit und Ruhm über sie ausgeschüttet schienen, litt sie darunter, nicht als „richtige“ Schauspielerin anerkannt zu sein. Truman Capote skizzierte sie so: „Manchmal wirkte sie ätherisch und manchmal wie eine Bedienung im Coffee Shop.“

Erst ihr letzter fertig gestellter Film zeigte sie als Charakterdarstellerin, Misfits – Nicht gesellschaftsfähig, das Drehbuch dazu schrieb Arthur Miller.

Sie war vernarrt in die Literatur, sie verschlang Milton, Dostojewski, Whitman, James Joyce („Ich mag Gedichte und Dichter sehr.“) und To the Actor von ihrem Schauspiellehrer in Hollywood, Michael Tschechow.

„Ihr Anliegen“, lesen wir im Vorwort zu dem Band Tapfer lieben – Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe, „war nie ein kommerzielles, sondern galt ausschließlich künstlerischen und literarischen Erwägungen.“

Über Monroes Auseinandersetzung mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie gibt es nur wenige Informationen, die im Wesentlichen auf zwei Quellen fußen: Norma Jean: the Life of Marilyn Monroe von Fred Lawrence Guiles und Dame Edith Sitwells Autobiografie Taken Care Of. In beiden Büchern wird die Begegnung der als schwierig geltenden britischen Dichterin, Dame Edith Sitwell, mit dem Hollywoodstar Marilyn Monroe 1953 geschildert. Edith Sitwell musste mit 66 wegen finanzieller Engpässe in Hollywood arbeiten. Sie sollte einen Artikel für ein Monatsmagazin verfassen. Dafür wurde ein Treffen mit Marilyn Monroe arrangiert, in der Hoffnung, dass die beiden exzentrischen Damen skandalträchtig aufeinander prallen würden. Doch die Kalkulation ging nicht auf:

Sie verstanden sich prächtig. Marilyn, mit ihrem grünen Kleid, dem gelben Haar wie ein Blumenbouquet auf die Sitwell wirkend, erzählte ausführlich über die Lektüre von Steiners Mein Lebensgang. Sitwell war beeindruckt von Marilyns hoher Intelligenz und Sensibilität.

Tom Mellett, ehemaliger amerikanischer Waldorflehrer, schrieb im Kommentar an das Blog anthropopper über die Bibliothekarin der Anthroposophischen Bibliothek in New York City, die während einer ganzen Dekade Steiner-Bücher an Marilyn ausgeliehen habe. Sie könne sich lebhaft an Briefe erinnern, in denen die Schauspielerin sich nach Steiners Vortragszyklen erkundigte.

Ein russischer Flüchtling

Entdeckt hatte Marilyn Monroe Steiners Schriften und Vorträge durch ihren Schauspiellehrer Michael Tschechow, Neffe des Dramatikers Anton Tschechow, der mit Stanislawski am Moskauer Künstlertheater  gearbeitet hatte.

Infolge der Revolution musste Tschechow Russland verlassen. 1922 begegnete er in Berlin Rudolf Steiner erstmals persönlich, 1924 in Arlesheim ein zweites Mal. Steiners Ideen wurden grundlegend für seine Schauspielmethode eines Theaters der Zukunft, in der durch Denken und Konzentration, im Anzapfen der „Schatzkammer des Unterbewusstseins“, das Bilderleben so weit gesteigert wird, dass die Figur, die der Schauspieler verkörpern soll, ein Eigenleben gewinnt und mit ihm während der Rollengestaltung in den Dialog tritt.

Nach Marie Steiners Ablehnung, mit ihm die Dornacher Goetheanum-Bühne weiterzuführen, arbeitete Tschechow als Schauspieler und Regisseur u.a. in Wien, Berlin, Paris, Prag, Riga. 1936 eröffnete er in England The Chekhov Theatre Studio, das drei Jahre später, infolge des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, in die USA übersiedelte. Nach Fehlschlägen am Broadway fand er in Hollywood die geeignete Wirkungsstätte, wo er in vielen Rollen, u.a. für Hitchcock, vor der Kamera stand, als Schauspiel-Coach arbeitete und sein Buch zur Kunst des Schauspielers (deutscher Titel der Moskauer Ausgabe von 1990) fertig stellte.

1953 erschien die erste englischsprachige Auflage unter dem Titel To the Actor im Verlag Harper & Row, nachdem Tschechow zuvor veranlasst worden war, sämtliche anthroposophischen Passagen zu entfernen. Das elementare Grundgerüst blieb dennoch unangetastet.

Marilyn lernte Tschechow 1951 kennen und war höchst angetan von dessen Schauspieltechniken, die Stanislawskis Methode zusammen mit Rudolf Steiner zu etwas ganz Neuem ausgeformt hatte.

Marilyns Tragödie

Marilyn Monroes Tragödie war, dass sie sich nicht nur den Erwartungen der Studiobosse, sondern auch denen der Masse auslieferte, die auf sie all ihre Wünsche und Projektionen richtete, schreibt Tom Mellet.

Ihr wurde nicht selten übel mitgespielt. Dies belegt unter anderem ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1961, der auch heute noch im Netz abzurufen ist. Dort wird sie als ungebildetes Dummchen geschildert, ein Produkt von Hollywoods Schönheitschirurgie; die schrecklichen Kindheits-Erlebnisse: nur Erfindungen und Verdrehungen.

Nach zwei Fehlgeburten und der Scheidung von ihrem dritten Ehemann, Arthur Miller, verfiel sie in eine schwere Depression und wurde auf Anraten der Ärztin in eine Klinik eingewiesen. Geschockt fand sie sich in der Psychiatrie wieder, auf der Station für „Gemeingefährliche“, wie sie hilfeflehend an Lee Strasberg schreibt. Ihre Mutter soll in der Psychiatrie gestorben sein.

Marilyn  schützte sich, so Tom Mellett, indem sie die letzten zehn oder elf Jahre ihres gemarterten Lebens „die zarte Pflanze der Anthroposophie in sich kultivierte“.

In einem Brief an Lee Strasberg zitierte sie aus einem Vortrag, wo er gesagt habe,  „zwischen dem Schauspieler und dem Selbstmord steht nur Konzentration“. Da ist der 1955 plötzlich verstorbene Michael Tschechow wieder sehr nahe. Im selben Brief schreibt sie: „Nur, sobald ich vor die Kamera trete, geht mir alles flöten, was ich zu lernen versuche. Dann komme ich mir vor, als zählte ich in der Menschheit nicht mehr.“

Theosophie auf dem Nachttisch?

Vielleicht ahnte sie in der  Anthroposophie neue, zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten für sich – so, wie sie auch nach zähem Ringen als Chefin ihrer eigenen Filmproduktion den Hollywood-Bossen die Stirn geboten hatte. Sie bewegte Anthroposophisches in ihrem Beruf nach den Übungen Michael Tschechows, der nicht wenige spätere Berühmtheiten wie Ingrid Bergmann, Yul Brynner, Gregory Peck oder Anthony Quinn unterrichtete.

In Arthur Millers Autobiografie Zeitkurven kommt davon nichts vor, auch nicht bei Norman Mailer und den vielen anderen. Rudolf Steiner und die Anthroposophie waren ihnen offenbar nicht erwähnenswert.

Bemerkenswert ist das traurige Schlussbild, als Foto überliefert: Marilyns zerwühltes Totenbett, in dem sie nach einer Überdosis Barbiturate aufgefunden worden war. Daneben befand sich ein Buch von Rudolf Steiner, schreibt Russell Pooler in A Rosicrucian Soul – The Life Journey of Paul Marshall Allen. Paul Marshall Allen zufolge soll es sich um die Theosophie gehandelt haben. Auf Marilyns Nachttisch gelegen, doch sei das Foto bald verschwunden, erzählte er Richard Steel, den er in der Camphill Bewegung kennenlernte. Der berichtete uns darüber. So schließen sich die Kreise.

Wie schrieb MM an Lee Strasberg: „ … zu den für mich persönlich hilfreichsten Dingen, die ich bisher in meinem ganzen Leben gehört habe, war das, was Sie Freitagmorgen im Unterricht gesagt haben … 2 und 2 sind nicht unbedingt 4.“ ///

 

Dieser Text erschien in der Ausgabe Januar 2015 von Info3.

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