Deine Arbeit für Info3 hat in den über zehn Jahren sehr verschiedene Facetten gehabt – zeichnen sich da von heute aus gesehen bestimmte Phasen ab?

Wenn ich das heute betrachte, dann sind das insgesamt vier Phasen. Angefangen hat es mit meinem Versuch, Anthroposophie eine postmoderne Sprache zu geben, sie aus der verstaubten theosophischen, aber auch aus der verträumten 68er-Wohlfühl-Ecke zu holen. Ich habe dafür plädiert, dass Filme und Medien positiv sein können, Rockmusik, Navigationsgeräte – das alles auch als Ausdruck eines modernen Geistes zu sehen. Das war manchmal lockend, aber manchmal auch provokativ anschiebend.

Der Duktus war immer stark persönlich gehalten – auch das sehr ungewöhnlich im anthroposophischen Milieu, du hast Geschichten von dir erzählt, oft sehr locker, oft sehr intim.

Ja, ich halte es für einen Ausdruck von „Bewusstseinsseele“, dass man den Inhalt nicht von der persönlichen Geschichte trennen kann; das kann eine bloße Ego-Sache sein, aber eben auch mehr.

Jedenfalls ist uns oft gespiegelt worden, dass das sehr authentisch ankam. Du hast dich ja auch sehr exponiert und angreifbar gemacht mit deiner Art, so offen zu schreiben.

In der zweiten Phase habe ich mich dann stärker mit den dunklen Seiten unseres Lebens befasst, mit dem Schatten und mit Doppelgänger-Phänomenen. Es ging zum Beispiel um Gewalt, Sex und Macht – um den Weg durch die Dunkelheit ans Licht.

Wie hast du die Leserschaft von Info3 dabei erlebt?

Wenn ich etwas geschrieben hatte, waren die Reaktionen oft fast familiär, wie unter Geschwistern oder Eltern; manche haben sich persönlich angegriffen gefühlt, manche aber waren auch tief berührt, in jedem Falle war es sehr persönlich. Das hat sich für mich in jüngster Zeit geändert, es ist jetzt eher entspannter geworden.

Und die dritte Phase?

Die begann für mich durch die Begegnung mit dem Werk von Ken Wilber, als ich ausgelöst durch einen Text von ihm tatsächlich das Erlebnis eines inneren Erwachens und der Verbundenheit mit allem hatte. Danach gab es für mich nur noch das Thema Erwachen, Gott, das Eine und die Liebe.

Erst später kam ich durch ein Gespräch mit Tom Steininger, das auch in Info3 abgedruckt wurde, darauf, dass Gott nicht nur das Eine, sondern auch die Fülle ist, also das, was sich in Vielfalt entwickelt. Da musste ich richtig stutzen, weil ich bis dahin überzeugt war, dass Gott nur das Absolute sein könne. Nun sagte mir dieser geschätzte Mensch, dass Gott auch im Relativen zu finden sei. Erst seit diesem Moment hatte ich einen Sinn für die Bedeutung von Entwicklung und ich schaute mir dann auch an, was etwa Andrew Cohen mit seiner evolutionären Erleuchtung lehrt. Damit begann für mich die vierte Phase und damit bin ich eigentlich wieder auf einer neuen Stufe am Anfang angekommen, wo es mir darum geht, etwas in der Welt besser, weiter, tiefer zu machen – und dabei auch den Wert der Anthroposophie ganz neu zu schätzen.

Damit begann auch deine Tätigkeit als „spiritueller Dienstleister“, wie du gern sagst, aus dem Schreibenden und Vortragenden wurde jemand, der durch seine spirituelle Erfahrung andere weiterbringen will, einen Kreis um sich bildet – ein Lehrer. Und für mich als Redakteur bedeutete das leider, dass du dein journalistisches Zugehen auf andere nicht mehr unbefangen ausüben konntest. Was hat es damit auf sich?

Es waren konkret meine Erfahrungen während des Formats „24 Stunden“, wo sich das zeigte. Diese Begegnungen mit einzelnen Menschen waren so intensiv, dass ich merkte: Das ist kein bloßes Interview mehr und keine Reportage, da wurde etwas aufgemacht wie ein gemeinsamer mystischer Raum. Und danach konnte man nicht einfach wieder auseinandergehen, als wäre nichts gewesen. So etwas ging dann kaum noch für Info3.

Das bedeutete dann leider, dass du dich als Journalist mehr und mehr zurückgezogen hast. Aber hast du das Gefühl, du hast publizistisch das gemacht, was du machen wolltest – ist diese Mission für dich erfüllt?

Für mich ist alles gut und auch abgeschlossen. Ich kann mir aber vorstellen, mich auch weiterhin mit einzelnen Artikeln ins Heft einzubringen. Ich fand rückblickend die Bereitschaft der Zeitschrift toll, so offen zu sein für das, was von mir kam. Für die Zeitschrift Info3 selbst finde ich es schade, dass die Perspektive von integraler und evolutionärer Spiritualität, die eine Zeit lang sehr stark präsent war, nicht weiter verfolgt wurde …

… jedenfalls nicht als dominantes Thema.

Aber das ist doch die Kern-Botschaft von Anthroposophie: Entwicklung. Wo kann man das in der Welt sehen? Info3 war für mich die Zeitschrift, die das repräsentiert hat.

Und die Rückbesinnung auf die anthroposophischen Wurzeln und auch auf die anthroposophische Realität mit ihren Stärken und Schwächen, die wir ja seit geraumer Zeit versuchen, bedeutet für dich wohl eher einen Rückschritt?

Ja, weil ich da den Entwicklungsimpuls nicht sehe – den gibt es natürlich auch innerhalb der Anthroposophie. Aber nicht per Zugehörigkeit zu einer Weltanschauung, und nur weil jemand etwas auf anthroposophischer Grundlage macht, wäre das für mich noch kein Grund, etwas darüber zu schreiben, das allein interessiert mich nicht.

Deine Zukunft wird also ganz die sein, als spiritueller Dienstleister an dieser Bewusstseinsentwicklung mitzuwirken?

Ja, und ich mag auch diese Bezeichnung „Dienstleister“, denn darin steckt einmal das Wort „dienen“, das passt zu meinem Seelen-Typ. Das andere ist die Leistung, das heißt, ich möchte nicht irgendwie was erzählen, sondern wirklich konkret dazu beitragen, dass es Menschen besser geht, im integralen Sinne auf unterschiedlichsten Ebenen des Lebens, besser fürs Bewusstsein, fürs Leben, fürs Geld, für die Beziehungen. Das ist der Maßstab. Und schließlich liegt im Begriff von Dienstleistung etwas Temporäres: Jemand arbeitet mit mir für einen gewissen Zeitraum, das wird vereinbart, aber dann ist es auch gut und vorbei und muss im Einzelfall verlängert werden. Es gibt kein automatisches Dauerverhältnis. Dadurch entsteht auf der einen Seite nicht die typische Schüler-Lehrer-Abhängigkeit und auf der anderen Seite auch ein positiver Zeitdruck, auch wirklich voranzukommen. Das motiviert beide beteiligten Seiten.

Wir sind gespannt auf deinen weiteren Weg – und hoffentlich Aufwiederlesen bei uns im Heft!

Das Gespräch führte Jens Heisterkamp.

Kontakt zu Sebastian Gronbach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sebastian Gronbach stammt aus einem anthroposophisch geprägten Elternhaus; Besuch der Waldorfschule und Studium in Bonn; als Autor bei Info3 schrieb er Reportagen über ungewöhnliche Menschen und entwickelte Kolumnen über das Angekommen-Sein, „Die Sehnsucht dahinter“ und die anthroposophischen Tugenden, offene Emails an Prominente und Miniatur-Dialoge. Zuletzt hatte er in seinem Format „24 Stunden“ einen ganzen Tag und eine Nacht lang einen Menschen begleitet.