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„Es gab eine Zeit, da wandte ich mich von all denen ab, die nicht meines Glaubens waren. Jetzt aber ist mein Herz fähig geworden, alle Formen anzunehmen. Es ist Weide für Gazellen, Kloster für Christen, Tempel für Götzenbilder und Pilger zur Ka’ba. Es ist die Schrifttafeln der Thora und das Buch des Korans. Meine Religion ist die Liebe: Welchen Weg auch immer die Karawane der Liebe nehmen möge, es ist der Weg meines Glaubens.“

Verfasser dieser Zeilen ist der arabische Gelehrte Ibn Arabi, geboren 1165 in Murcia, einer Stadt im damaligen Kalifat von Cordoba, gestorben 1240 in Damaskus. In seiner Heimat, dem heutigen Andalusien, verbrachten wir vor geraumer Zeit die Ferien. Auch die Mezquita von Cordoba gehörte zu unserem Programm.

Ahnungslos betrat ich, noch geblendet vom andalusischen Sonnenlicht, von dem hübschen mit Orangenbäumen bepflanzten Vorhof aus ihren spärlich beleuchteten riesenhaften Innenraum. Und in dem Maße, in dem sich meine Augen an das Dunkel gewöhnten, überwältigte mich jene Empfindung, die sich sonst nur nach geduldiger Meditation einzustellen pflegt: Die Begrenztheit meines Ichs schien sich aufzulösen, meine Seele mit einer grenzenlosen Unendlichkeit zu verschmelzen. Nur sehr selten in meinem Leben hatte sich diese Empfindung bislang „spontan“ eingestellt. Wie konnte dieses Bauwerk eine solche Wirkung haben? Ich bin gemeinhin skeptisch gegenüber solchen Anwandlungen. Handelte es sich vielleicht um einen hitze- oder neuronal bedingten Flashback? Aber nein, in nur wenig wechselhafter Intensität hielt dieser Eindruck an, wie lange ich auch durch den Säulenwald ging oder mich, gelehnt an eine der Säulen, auf den Boden setzte. Selbst der im Verlauf des Vormittags anschwellende Touristenstrom vermochte daran nichts zu ändern. Nur manchmal, wenn mein Blick auf die Wände der in die Mitte der Mezquita gepflanzten barocken Kathedrale fiel, ließ er etwas nach.

Lebte hier eine Spiritualität, die der meinen verwandt ist? Den Schlüssel für eine denkbare Antwort gab mir ein Besuch des Museo Vivo de Al-Andalus im Torre de la Calahora an der anderen Seite des Rio Guadalquivir.  Hier soll die Epoche des Kalifats von Cordoba als eine Zeit regen geistigen Lebens und enormer wissenschaftlicher und technologischer Fortschritte dargestellt werden, vor allem aber als eine Zeit, die drei Jahrhunderte lang durch das friedliche Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden Vorbild für unsere durch religiöse Konflikte und Katastrophen gekennzeichnete Gegenwart sein kann (auch wenn die Außenpolitik der Kalifen nicht gerade friedlich war). Glaubt man der Lesart des Museums, so gründete jene religiöse Toleranz keineswegs in einer desinteressierten Indifferenz gegenüber der Religion andersgläubiger Mitbürger, sondern in einer gegenseitigen Wertschätzung und der Suche nach gemeinsamen spirituellen Grundlagen – wie jener von Ibn Arabi in seinem einleitenden Zitat gefeierten Menschenliebe.

Die Moschee von Cordoba

Die Geschichte jener im Mittelalter wohl einmaligen Kultur der Toleranz beginnt im achten Jahrhundert. Im islamischen Kernreich stürzte das Geschlecht der Abbasiden im Jahr 749 die bis dahin herrschende Dynastie der Umayyaden. Der einzig überlebende umayyadische Prinz floh aus Damaskus nach Andalusien und begründete dort 756 als Abd ar-Rahman I. das Emirat von Cordoba. 785 begann er mit dem Bau der großen Moschee von Cordoba an einem Ort, an dem schon zuvor ein römischer Tempel und eine westgotische Kirche standen. Es folgten viele Jahre vielfältiger innerer und äußerer Auseinandersetzungen, bis  Abd ar-Rahman III. im Jahre 929 die Befriedung des maurischen Spaniens gelang. Er nahm den Titel eines Kalifen an und machte sein fast ganz Spanien umfassendes Herrschaftsgebiet zur ersten Hochkultur des Mittelalters, die ihre Blüte nicht zuletzt dem von ihren Herrschern intensiv geförderten befruchtenden Miteinander der verschiedenen Kulturen und Religionen verdankte. Denn waren sie nicht alle „Völker der Schrift“: Muslime, Christen und Juden? Und waren nicht auch Abraham und Jesus vom Koran geheiligte Propheten?

Cordoba wurde zur größten Stadt Europas, deren Einwohnerzahl mit einer halben, in manchen Quellen sogar einer ganzen Million beziffert wird, eine Stadt mit etlichen Bädern, Kanalisation und Straßenbeleuchtung, die durch eine bewässerungsintensive Landwirtschaft versorgt wurde. Ihre Hochschulen wurden zum intellektuellen Zentrum der Welt, ihre Bibliotheken zählten wohl 400.000 Bände, ihren Übersetzern verdankt das christliche Europa die Wiederentdeckung der Werke von Aristoteles und Platon. Zu den Schulen zählte die erste Musikhochschule der Welt, an der Meister das virtuose Spiel verschiedenster Instrumente unterrichteten. Die Dichtkunst stand in so hohem Ansehen, dass kaum ein politisches oder religiöses Anliegen eine Chance hatte, wenn es nicht in kunstvollen Reimen vorgetragen wurde. Bis 990 wurde die große Moschee immer wieder erweitert. 1009 wurde Cordoba von Berbertruppen erobert und das Reich zerfiel in viele, weitestgehend unabhängige Teilreiche. Zunächst tat das Toleranz und Kultur erstaunlich wenig Abbruch, da die kleinen Königshäuser um die höchste kulturelle Blüte ihrer Hauptstädte konkurrierten. In den folgenden Jahrhunderten gelangte Spanien aber immer mehr in den Einflussbereich konservativ-islamistischer Dynastien und wurde schließlich im Rahmen der Reconquista von katholischen Fürsten zurückerobert. Im Jahre 1492 musste sich Muhammad XII., der letzte muslimische Herrscher des Sultanats Granada, den katholischen Königen von Kastilien und Aragon geschlagen geben. Bereits 1236 war Cordoba unter christliche Herrschaft gelangt. Die Mezquita wurde wieder als christliche Kirche genutzt. Erst 1536 erfolgte aber der Abriss eines Teils der ehemaligen Moschee, um die heutige Kathedrale darin zu errichten. Als Kaiser Karl V. den Umbau begutachtete, soll er gesagt haben: „Ihr habt etwas geschaffen, was man überall finden kann, und etwas zerstört, was einmalig war!“

Einheit in Gott

Als Ibn Arabi lebte, war die Blütezeit des Kalifats von Cordoba also schon Vergangenheit. Doch besteht sein Werk vor allem in der Systematisierung und Interpretation spiritueller Traditionen, die ebenfalls bis in das achte Jahrhundert zurückgehen und heute als „Sufismus“ bezeichnet werden, Traditionen, die vielleicht auch für die Emire und Kalifen Cordobas von Bedeutung waren. Kern seiner Lehre ist das „waḥdat al-wuǧūd“, das Prinzip der Einheit allen Seins in Gott. Wenn wir noch heute in muslimischen Ländern den Beginn des Gebetsrufes aus dem Munde eines Muezzins – oder einem übersteuerten Lautsprecher – hören, dann ist damit eben diese Einheit des Seins gemeint: „allāhu akbar“ – „Gott ist am größten!“ Gott umfasst alles Sein. Er habe, so Ibn Arabi, keine „Oberfläche“ und jeder Punkt des Universums sei sein Mittelpunkt. An jedem Ort sei seine Anwesenheit erfahrbar – für einen Menschen, der sich in Gebet oder Meditation mit ihm vereine, der sich in der Unendlichkeit seines Seins auflöse. Unabhängig davon, welcher religiösen Tradition er sich verpflichtet fühle. Jeder Mensch könne so zum Mittelpunkt des Universums werden. Jedes Wesen verdiene es angesichts des in ihm anwesenden Göttlichen, unserer Liebe teilhaftig zu werden. War es diese spirituelle Grunderfahrung, die dem Zusammenleben der Gläubigen so verschiedener Religionen im Kalifat von Cordoba zugrunde lag?

Und: Ist es eine solche Interpretation des Korans, die man noch heute in der großen Moschee von Cordoba erleben kann? Jedes von vier Säulen und zwei Doppelbögen umschlossene Quadrat eröffnet den Raum für einen betenden Gläubigen. Die optisch gegeneinander versetzt erscheinenden Reihen der Bögen lassen einerseits jedes Gefühl für einen mehr oder minder bevorzugten Ort in dem riesigen Heiligtum verschwinden. Andererseits vermitteln sie den Schein einer sich immer weiter fortsetzenden Unendlichkeit. Der Betende muss sich unwillkürlich in der Allheit aufgelöst fühlen. Der einzige herausgehobene Punkt des Gebäudes ist die Gebetsnische, die dem Moslem normalerweise die Richtung seines Gebets nach Mekka anzeigt. Normalerweise. Denn auch hierin weicht diese Moschee vom Üblichen ab. Statt nach Ostsüdost ist sie nach Südsüdost ausgerichtet. Gerne interpretiert man dies als die Richtung, in der sich Mekka von Damaskus aus befände. Und „spirituell“ habe ihr Bauherr Abd ar-Rahman I. sich noch immer dort zu Hause gefühlt. Vielleicht war ja aber ohnehin die Gebetsrichtung in jener Auffassung des Koran von nachgeordneter Bedeutung: Gottes Mittelpunkt ist überall! –und erfahren wird er im Herzen des Gläubigen! (Und zufälligerweise ermöglicht diese Ausrichtung den Einbau einer christlichen Kathedrale fast in der ihr angemessenen West-Ost-Richtung. Oder waren es die Fundamente der westgotischen Kirche, die die Richtung vorgaben?)

Ibn Arabis Werk wird zum Bezugspunkt des gesamten Sufismus. Wie die christliche Mystik durch die katholische Kirche wurde der Sufismus im Allgemeinen und das Werk Ibn Arabis im Besonderen von vielen islamischen Gelehrten und religiösen Würdenträgern immer wieder als Ketzerei verschrien, insbesondere von jenen Strömungen des Islam, die eine als traditionell angenommene Interpretation des Koran propagandistisch oder auch gewalttätig als die einzig wahre zu verteidigen suchten. Abgeleitet von dem arabischen Wort „salaf“ für „Vorfahre“ oder „Vorgänger“ bezeichnen sich ihre Vertreter damals wie heute als „Salafisten“. Vielleicht sollte man ihren Hasspredigern und militanten Verfechtern nicht nur die Werte des Grundgesetzes, sondern auch eine religionsübergreifende Spiritualität wie jene eines Ibn Arabi entgegensetzen? Sicher sind auch hier Widerstände zu überwinden – und leider nicht nur von islamistischer Seite. Seit den 70er Jahren gab es mehrere Initiativen, die Mezquita in ein interreligiöses Gotteshaus zu verwandeln, in dem Christen, Juden und Moslems zu gemeinsamen Gebeten zusammen kommen können. Juan José Arsenjo, der Bischof von Cordoba, sprach sich 2006 gegen diesen Vorschlag aus: Der Herr sei anwesend im Sakrament der heiligen Eucharistie. Dies verbiete es, dass auf dem heiligen Boden einer katholischen Kathedrale andere Kulte abgehalten würden. Und noch heute bedauert das deutschsprachige Faltblatt, mit dem das Domkapitel den Besucher in der „Kathedrale von Cordoba“ begrüßt, den „Nachteil“ der Gläubigen vergangener Jahrhunderte, dass sie „ihre Liturgie zwischen einem Säulenwald zelebrieren“ mussten. Allāhu akbar! ///

Ein Text aus der Februar-Ausgabe 2015 von Info3.

Dr. Axel Ziemke ist Biologie, Philosoph und Waldorflehrer. Demnächst erscheint sein neues Buch Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Die Wiedergeburt von Goethes Metamorphosenidee in der Evolutionären Entwicklungsbiologie.