Brennpunkt

Quelle: ARD

Was tut man, wenn man voraussichtlich nichts wissen kann? Man macht einen Brennpunkt. Wenn ein aktuelles Gefühl alles überlagert, tut man so, als ob man Leute vor Ort hat, die es wissen, manchmal sogar besser wissen als die politischen Hauptdarsteller, die wenigstens gezeigt werden, wenn Ihnen in Brüssel der Wagenschlag geöffnet ist.

Anstatt dass das Erste und Zweite Deutsche Fernsehen ordentlich wartet, bis man etwas wissen kann, stellt man den ‚armen‘ Rolf Dieter Krause vor eine Bildwand, um ihn fünf Mal hintereinander das Gleiche zu fragen, worauf er keine Antwort finden kann. 18.30 am Sonntag, eine Neuerfindung der Tina Hassel, der Brennpunkt VOR der Tagesschau. Da kommt der Rolf Dieter das zweite Mal ganz lang ins Bild, wobei ihm die entspannte Tina Hassel in einer bequemen Sofa-Sitzecke einige Fragen stellt, die er alle nicht beantworten kann.

Das erste Mal an diesem Sonntag: Mittags Punkt 12 Uhr hatte der mächtige WDR-Chefredakteur seine vier Gäste im Presseclub schon sechs Minuten warten lassen, als er den Brüsseler Korrespondenten einvernahm mit der ständig variierten Frage: Was wird denn heute oder morgen dabei herauskommen?

Da nichts an Nachrichten da ist, muss man die Erregungen  auskosten: Als da ist die mögliche Opposition der SPD zu dem Papier des Bundesfinanzministers, zumal sich die EU-Sozialdemokraten parallel zu den Euro-Regierungschefs in Brüssel getroffen und markige Worte gefunden hatten, alles aber vor Tische. Denn zu Tisch ging es erst am Abend.

Der halbe „Weltspiegel“ (19.20 bis 19.57)  wird schon von Ute Brückner benutzt, um dem armen Rolf-Dieter Krause erneut eine Antwort abzunötigen, die er nicht geben kann. Die Tagesschau hat ihn dann mit Jan Hofer, danach hat der Moderator des WDR  auch nichts weiter zu tun, als vor dem Ereignis den unwichtigsten Außenminister der Europäischen UNION zu befragen. Jean Asselborn bietet aber den Vorteil für einen „Erregungs-Brennpunkt“, dass er deutsch kann und sich immer freut, seine geringe europapolitische Bedeutung aufzuwerten durch ein Statement in der deutschen ARD und im  ZDF. Er soll die deutsche Position von Schäuble und Merkel heftig kritisieren, was er ablehnt. Dann wird noch der heimliche SPD-Oppositionsführer in der Regierung  interviewt, Rolf Stegner, dem man aus dieser Noch nicht Nachrichten-Zeit auch nichts herausquetschen kann. Da es also nicht gelingt, einen schweren Konflikt Merkel- Schäuble aufzubauen, auch nicht einen Merkel-Hollande, auch nicht einen mit dem eigenen Koalitionspartner SPD muss man eben nur sich suhlen in dieser Art von Erregungs-Brennpunkt.

Wie wäre es, die Moderatoren würden mal bescheidener werden und dem Publikum beim Abschied sagen: Morgen wissen wir möglicherweise etwas,  heute gar nichts. Aber das wäre das Dementi des Aktualitätsterrorismus, der heute in den elektronischen Medien wütet, wo immer so getan werden soll, als habe man irgendetwas zu verkünden. In Wirklichkeit reicht die Nachricht, heute Abend sind in Brüssel die Präsidenten aller 19 Euro Länder zusammengekommen und werden sich vermutlich noch nicht auf einen Plan für Griechenland einigen. Und: Statt solcher Erregungs-Formate könnten wir wieder mehr über wirkliche Ereignisse erfahren: die Flüchtlinge vor der Mauer in Melilla, die Syrer und Somali-Flüchtlinge  in Libyen, die Touristen in Tunesien, die Verhältnisse in den Lagern in Jordanien und im Libanon, die Bombenangriffe der syrischen Luftwaffe auf die Stadt Aleppo, der Zusammenbruch des Iraks unter den Schlägen des IS, der Staatsverfall in Libyen, die Lage der in Malaysia gestrandeten Rohyingas, die Frontlinie in der Ukraine, die Zunahme der Solaranlagen in Nordafrikanischen Länder und so weiter und so weiter …