Angststarre auf vielen Ebenen – und das Hoffnungsmodell Sekem. Ein Reisebericht.

Von Rupert Neudeck

Der Staat ist noch nicht über dem Jordan. Das ägyptische Volk hat Gewaltiges geleistet in sehr kurzer Zeit, aber die Starre, in der sich der Liebling der westlichen Welt unter Hosni Mubarak befand, ist nicht aufgelöst. Auch nicht die Angststarre eines islamisch-terroristischen Ausgleitens der heutigen ägyptischen Gesellschaft. Nichts ist gelöst, kein großer politischer Hoffnungsträger weit und breit. Aber zweierlei ist erreicht: Der Diktator ist weg, der sein militär-arabisches System noch als quasi monarchische Dynastie erweitern wollte. Und: Man kann reden und es wird ausgiebig geredet auf dem Tahrir-Platz mitten in Kairo. Dort fängt man den Tag an und beendet ihn vor Einbruch der Dunkelheit.

Vieles kann die Kühlschrank-Theorie erklären, die wir aus Jugoslawien und vom Balkan kennen. Auch Anti-Gefühle gegen die Amerikaner und gegen Israel sind dabei, aus der Vereisung aufzutauen. Damit müssen die USA und Israel rechnen. Was ist liegen geblieben in des Maghreb wichtigstem Land, das zugleich noch die wichtigste Brücke in den Sorgenkontinent Afrika mit nominell 54 Staaten geblieben ist? Da ist einmal der klaffende Gegensatz von dünner steinreicher Oberschicht, die im Champagner badet, und der großen Masse des armen Volkes, Arbeitslosigkeit bei 63 Prozent. Ich habe bisher kein Land erlebt, in dem der Gegensatz von Oberschicht und wütend-hungriger Landarmut so groß ist wie in Ägypten. Ich wurde um Geld gebeten für Nahrungsmittel, weil Menschen, die keinen eigenen Landbesitz haben, die nur Landtagelöhner sind, sich nicht genügend zum Essen kaufen können.

Religions-Starre

In den Dörfern trifft man auch auf Angst machende Salafisten, die aus Saudi-Arabien jede Woche eine Million US-Dollar überwiesen bekommen. Gelder, die oft an die Konversion gebunden sind zum Islam für die, die von den Salafisten versorgt werden.
Das Zweite ist also eine Religions-Starre. Als die gefährlichste Macht erschienen Jahrzehnte lang die Muslimbrüder. Die koptisch-orthodoxe Kirche mit ihren wahrscheinlich nur fünf bis sechs (manche meinen elf bis zwölf) Millionen Anhängern konnte sich im Schutz und Schatten der militärischen Diktatur von Sadat und Hosni Mubarak gut entfalten und bewegen. Sie war damals wahrscheinlich, so sagt es mir ein Priester in Kairo, besser geschützt als heute.

Das alles ist jetzt politische Experimentierbühne. Die Muslimbrüder erkennen, dass sie staatstragend sein könnten, wenn sie sich weniger extremistisch positionieren als vorher. Deshalb laden sie andere zaghaft zur Mitarbeit ein. Sie sind die neben dem Militär und den christlichen Kirchen einzig organisierte Kraft. Sie könnten ein genuines ägyptisches Profil gewinnen durch die Gegnerschaft zu den mittelalterlich auftretenden Salafisten. Die Facebook-Generation der Studenten und Abgänger von Universitäten, die während der Arabellion so bejubelt wurde, ist jetzt erst zu ihrer kleinen Größe geschrumpft. Auf dem Platz konnte sie sich gut organisieren, aber zahlenmäßig ist sie schwach. Es kursiert der schöne Witz: Hosni Mubarak ist gestorben und Sadat und Nasser begegnen ihm im Himmel. Nasser fragt Mubarak: „Sag mal, haben sie dich auch vergiftet oder erschossen?“ Darauf Hosni Mubarak: „Ich glaube, es war Facebook!“

Die Facebook-Generation kann sich aber politisch offenbar nicht organisieren. Obwohl sie, wenn es noch mal gegen die Militärjunta zum Schwur kommt, erneut die Avantgarde sein könnte. So wie am 20. Dezember 2011, als gegen die unglaublich brutalen Übergriffe von Militär und Polizei etwa zehntausend Frauen (!) demonstriert haben und keine Angst hatten.

Visionär gesucht

Die Wirtschaft hat das Zeug zum Boom, braucht aber Erneuerung. Die Verkehrsinfrastruktur ist im Land für den Aufschwung von Investitionen nicht mehr günstig. Wirtschaft ebenso wie Gesellschaft warten auf einen politischen Lenker, der eine Vision hat. Ägypten braucht eine moderne Infrastruktur für die täglich aus allen Nähten platzende und nicht mehr mobile Hauptstadt mit den geschätzt 20 Millionen Einwohnern.  Großprojekte mit Eisenbahnen, Wind und Sonnenenergie wären nötig, für die man eine ganze Generation junger Schulabgänger gewinnen könnte. Die junge, ausgebildete Generation – zumal christlicher Herkunft – denkt ausschließlich an das Auswandern. Kanada ist das strahlende Land, das man erreichen will. Kanada schöpft alles an ausgebildeten und Englisch sprechenden jungen Menschen ab.

Gott sei Dank ist der Tourismus nicht zusammengebrochen, 80 Prozent sollen es sein, die weiter zumal auf den Luxus-Plätzen des Welttourismus bestehen: Charm el Sheik und Hurghada auf dem Sinai. Damit allerdings wird die Arbeitslosigkeit nicht bekämpft. Das würde nur geschehen durch große Pilot-Projekte einer Eisenbahn, die sich durch das ganze Land schiebt, die funktioniert und auf einen Stand gebracht wird, den man am Bahnhof in Kairo nicht erleben kann. Eine Eisenbahn, die dann auch Verbindungen nach Khartoum und nach El Obeid im Sudan eröffnen würde.

Leuchtfackel Sekem

Die zukunftsträchtigen Technologien – Solarenergie, Biomasse und Wind – hat Ägypten verschlafen, deshalb ist es umso überraschender, wenn man nach einer unglaublich mühseligen Fahrt aus Kairo heraus auf eine große und erfolgreiche, auch wirtschaftlich erfolgreiche ökologische Initiative stößt: Sekem. Sekem ist eine Farm, auf der alles nach der Methode biologisch-dynamischer Landwirtschaft produziert wird. Dort arbeiten mehrere Zweige moderner und immer wichtiger werdender Industrien (Textil, Tee, Pharma) mit einem Netz von Farmen und geben  18.000 Menschen Brot und Zukunft. Und dann noch eine Gemeinschaft, die in glücklichem Einklang mit der Natur und mit dem Islam lebt, neben dem durchaus auch andere Religionen Platz finden können. Das Unternehmen wurde 1977 von Dr. Ibrahim Abouleish begründet, der im  März 75 Jahre alt wird. Er hat es mit seiner Familie und mit Mitgliedern seines Teams, die dort auch wohnen und nicht nach Kairo zum Wochenende fahren, geschafft, eine Art autarker Produktions- und Kooperations-Genossenschaft zu bauen. Er hat in den 70er und 80er Jahren massive Widerstände des Militärs und des konservativen ägyptischen Establishment überwunden, immer friedlich – wozu ihn der Koran als gläubigen Moslem aufforderte.

Abouleish hat enge Verbindungen nach Österreich und Deutschland, weit über die anthroposophische Gemeinschaft hinaus, zu der er gehört. 2003 war er Träger des alternativen Nobelpreises. Er ist für Afrika das, was Mohammed Yunus für Asien geworden ist: Eine Leuchtfackel der Hoffnung. So können wir Länder nicht nur im Niltal bewahren, sondern in allen Zonen des Kontinents! Helmy Abouleish, der 50-jährige Sohn und langjährige Geschäftsführer der Initiative, erzählt von zwei Landkäufen in den letzten Jahren: Die eine Farm existiert auf dem Sinai und wirft bereits Gewinne und Produktion ab. Die andere liegt in der Westwüste bei Baharya.

Ich erlebte in Sekem einen Donnerstag, an dem sowohl die Schülerinnen und Schüler wie auch die Sekem-Arbeiter in das ägyptische Wochenende verabschiedet wurden –  mit einem Gemeinschaftserlebnis, das man sich auf der ganzen Welt wünschen würde. Die Schüler wurden in meinem Beisein durch ein Gebet aus einer Koransure, durch einen Satz aus einer Mozart-Sonate, gespielt von einem Terzett, und einigen Tänzen und Gesängen ins Wochenende verabschiedet. Alle Schüler und Mitarbeiter gaben Helmy Abouleish und einzelnen Lehrern die Hand. Sie gingen alle glücklich in das Wochenende. So ein Erlebnis einer produktiven Gemeinschaft mit wirtschaftlichem und schulischem Erfolg habe ich noch nirgends auf der Welt erlebt.