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Wie traurig war das denn? Gähnend leere Regalfächer bei dm, in denen zuvor die gewohnt-bewährten Alnatura-Artikel auf unsere Einkaufskörbe warteten. Sukzessive wurden sie durch Produkte von „dm-Bio“ ersetzt, einer neuen Marke, der mancher noch nicht traute. Als der Schreiber dieser Zeilen dann von der beinahe nicht mehr vorstellbaren Versöhnung der Freunde und Geschäftspartner hörte, die den selben Vornamen tragen und zudem noch verschwägert sind, kam ihm der Buchtitel „Oh, wie schön ist Panama!“ in den Sinn. Es ist die berühmte Geschichte von Janosch, in der es um unsere Suche nach dem Glück geht, eine Sehnsucht, die uns manchmal verdunkelt, dass wir womöglich schon mittendrin sitzen. Dort heißt es: „Wenn man einen Freund hat, braucht man sich vor nichts zu fürchten“.

Durch diesen Streit, der zuletzt gar vor Gericht ausgefochten wurde, bemerkten wir erst wieder, wie beide Unternehmen unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit ein bisschen zum Besseren verändert haben, die nun drohte, ein Stück weiter gewinnmaximiert zu werden. Man stelle sich einmal die von Steiner zur ersten Nebenübung vorgeschlagene Frage: Wie wäre unser Alltag beschaffen, gäbe es dm und Alnatura nicht? Das ist die gute Seite an der Sache. Die schlechte: Im Medienecho über den „Knatsch im Bioregal“ (taz) hallte süffisant wider, dass es sich dabei um Anthroposophen handele, sich also in dieser weltanschaulichen Vereinigung selbst gestandene Männer in die verbliebenen Haare kriegten. Schlimmer noch: Teile der Bio-Branche litten empfindlich unter dem Zwist. Aus dem Umfeld von Demeter heißt es, dass es im zweiten Halbjahr 2015 einen Absatzeinbruch gab durch die Einbußen von Alnatura-Produkten aus Demeter-Anbau bei dm, Produzenten von Getreide etwa blieben auf ihren Ernten schlichtweg sitzen.

30 Jahre gemeinsam

Zum 40. Jubiläum von dm im September 2013 schien die Welt noch in Ordnung. Rehn spricht im dm-Jubiläumsvideo auf Youtube über die ersten Schritte von Alnatura, wie die Marke bei dm und tegut anfangs – vor der eigenen Supermarkt-Gründung – getestet wurde und sich daran 30 Jahre gemeinsamen Weges anschlossen. „Wenn man Kooperation in der Form lebt, ist man außerordentlich erfolgreich“, betont Rehn zu Bildern von damals noch gut sortierten Alnatura-Regalen bei dm.

Erst lernte der sechs Jahre ältere Götz Werner von Götz Rehn, bald wurde der sein Mentor in Sachen Unternehmensgestaltung. Götz Rehn stammt aus einer namhaften Chirurgenfamilie und wollte zunächst als Mediziner in deren Fußstapfen zu treten. Doch dann entschied er sich, als Unternehmer selbständig zu werden, wusste sehr genau, wie Struktur und Kapital zu organisieren wären. „Aber er hatte keine Ahnung, was  er machen sollte“, notierte Götz Werner in seiner Autobiografie, die kurz vor seinem 70. Geburtstag erschien.

Bei einem Seminar von Rehn über „Sozialorganische Lebensgestaltung“ waren sie sich Mitte der 1980er Jahre begegnet. Schnell sorgte Werner, der sein Unternehmen bereits höchst erfolgreich durchgestartet hatte, dafür, dass noch ein Dritter im Bunde dazu stieß: Wolfgang Gutberlet von tegut. Mehrmals im Jahr trafen sie sich, um „in konzentrierter Atmosphäre über Fragen der Sozialorganik“ zu konferieren. Von Anfang an soll es dabei auch darum gegangen sein, was denn Rehn konkret unternehmen könne. Dabei kam es zum Pioniergedanken des Bio-Supermarkts.

In unserem Interview zu Götz Werners 70. Geburtstag (siehe Heft 2/2014) finden wir kein Wort über die aufziehenden Gewitter. Noch im August 2014 bemerkte Rehn gegenüber dem Handelsblatt: „Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft“. Doch da war das Zerwürfnis schon im Gang. In unserem Gespräch mit Götz Rehn im vorigen Heft kommt in beinahe jeder Replik direkt oder indirekt das Auslisten der Alnatura-Artikel seitens dm vor. Folgt man dem Handelsblatt in seiner Meldung vom 29. Januar 2016, begann der „offene Streit“ bereits im Jahr 2012 während routinemäßiger „Vertriebsverhandlungen zwischen der Drogeriekette dm und ihrem Lieferanten Alnatura“. dm forderte daraufhin vom Partner „günstigere Lieferkonditionen“ und zugleich „die Offenlegung von Einkaufspreisen und Lieferantenbeziehungen“. Dies sei „möglicherweise schon in Vorbereitung der Einführung einer eigenen Bio-Marke“ geschehen, schlussfolgert das Handelsblatt. Von der FAZ bis zur taz erschienen in allen Leitmedien mehr oder minder informierte Artikel. Auch wir erhielten von Götz Werner noch einmal die Zusage zum Interview, das auf dasjenige mit Rehn folgen sollte. Doch dazu kam es nicht mehr.

Versöhnung mit Hilfe aus Ägypten

Ibrahim Abouleish, der „Weise aus dem Morgenland“, wie ihn die FAS nennt, langjähriger Freund der beiden Streithähne, weilte gerade in Deutschland. Der mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete Sozialunternehmer aus Ägypten traute sich zu, die Konfliktpartner, die nur noch über Rechtsanwälte verkehrten, zur Vernunft zu bringen und wollte dazu seine ganze Autorität einbringen – für eine Klärung, unbedingt. Bald kamen Zweifel auf, ob der SEKEM-Gründer diese Herkulestat vollbringen könne. Zu viele Gräben waren schon ausgehoben, zu viele Geschütze in Stellung gebracht.

Als nach einem Wochenende des Auf und Ab der Gefühle am späten Abend des 15. Februar dennoch die handschriftlich notierte Einigung mit Unterstützung von Info3 ins Netz und in zahlreiche deutsche Medien gelangte, atmeten nicht wenige auf: „Auf Initiative und Vermittlung von Sekem-Gründer Dr. Ibrahim Abouleish haben sich die Gründer von dm und Alnatura Götz Werner und Götz Rehn versöhnt. Auf dieser Grundlage werden die Anwälte beauftragt, die Auseinandersetzungen vergleichsweise beizulegen“, lauten die beiden Sätze, gefolgt von den Unterschriften von Werner und Rehn.

Noch Tage nach der Pressemitteilung herrschte in den jeweiligen Geschäftszentralen freudige Erregung. An weitere Erklärungen war bis Redaktionsschluss nicht zu denken. Viel zu überrascht waren alle. Aus gut informierten Kreisen verlautete lapidar: „Die Protagonisten haben den Impuls in die richtige Richtung gegeben, in welche Richtung aber Deeskalation und Einigung laufen und wann das alles Wirklichkeit werden kann, das ist keine Frage von Tagen und Wochen, sondern von Monaten.“ Hoffen wir, dass das „Märchen aus 1001 Nacht“, wie die FAS die glückliche Versöhnung nannte, wirklich eines bleibt. ///

Ein Artikel aus der März-Ausgabe von Info3. Hier kostenloses Probeheft bestellen.