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Sehr nah und authentisch konfrontiert der Film 24 Wochen mit den tief greifenden Entscheidungsfragen, in die eine pränatale Diagnostik werdende Eltern führt. Der Film lief bereits als deutscher Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale 2016 und ließ sein Publikum in wahrnehmbarer Betroffenheit zurück.

Regisseurin Anne Zohra Berrached will den Müttern (und Vätern), die sich nach der Diagnose „Down Syndrom“ für einen Abbruch entscheiden, eine Stimme geben. 24 Wochen ist durch die Vielseitigkeit der aufgeworfenen Fragen, Erwägungen und Positionen zur Abtreibungsfrage bei Behinderung des Kindes ein beeindruckender Film. Die erschütternde Auseinandersetzung, eindrücklich gespielt von Julia Jentsch und Bjarne Mädel, endet im Film mit einer sogenannten Spätabtreibung des Kindes, die in Deutschland bis in den neunten Monat hinein legal ist, sofern beim Embryo eine Behinderung diagnostiziert wurde. Ab der 24. Woche allerdings könnte ein Kind, intensivmedizinisch betreut, auch schon außerhalb des Mutterleibes überleben und muss vor einer eingeleiteten Abtreibungsgeburt durch eine Kaliumchloridspritze getötet werden. Spätabtreibungen nehmen in Deutschland weiter zu. Nach einer Down-Syndrom-Diagnose brechen 90 Prozent der betroffenen Mütter die Schwangerschaft ab.

 

Julia Jentsch und Bjarne Mädel  spielen ein glückliches Paar: Astrid, eine erfolgreiche Komikerin, ist schwanger. Markus, ihr Mann und Manager, unterstützt sie bedingungslos. Sie haben bereits eine neunjährige Tochter. Mit einem „Wir kriegen das hin!“ reagiert Markus auf die Diagnose Down-Syndrom für das zweite Kind. Bei einer Kontrolluntersuchung wird dann aber ein Herzfehler entdeckt, den der Film als dramatische Wende zeigt. Während Markus sich in seiner Entscheidung für das Kind unbeirrt zeigt, wachsen in seiner Frau Zweifel. „Ich würde mich für den Rest meines Lebens schuldig fühlen“, sagt der Vater. „Die weitere Entwicklung des Kindes hat mit Schicksal zu tun“, sagt ein Arzt. „Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin“, gesteht sich die werdende Mutter, auch gegen den Entschluss ihres Mannes, ein. Der Film unterstreicht die Last der Entscheidung, die die Mütter allein zu treffen haben. Was die Hebamme, kurz vor der Abtreibung des Kindes im sechsten Monat, der Mutter sagen kann, ist: „Die Entscheidung kann einem niemand abnehmen, und niemand kann darüber urteilen.“

 

Die 33-jährige Regisseurin legt Wert auf größtmögliche Nähe zum Thema und bindet Fachärzte, eine Hebamme und Betroffene als Laienschauspieler halbdokumentarisch in den Dreh ein. Die Kamera verfolgt die Verzweiflung im Prozess einer solchen Entscheidung gegen das Kind. Auch bei der Gabe der Kaliumchloridspritze sind die Zuschauer so nahe wie möglich dabei – als würde diese Nadel ins eigene Herz stechen. Ein deutscher Film mit einem hohen Grad an Unerbittlichkeit, Dringlichkeit, Recherche und einer Stellungnahme für die individuelle Entscheidung.

 

Es bleibt ein Unbehagen: Die Diagnose „Down-Syndrom“ erhält durch die hier getroffene Inszenierung eine ungeheure Wucht! Die Darstellung von Menschen mit Down-Syndrom in diesem Film mutet, insbesondere durch das Entsetzen, das sich in den Augen der 9-jährigen Tochter abzeichnet, manipulativ an. Als Schwester eines Menschen mit Down-Syndrom habe ich nie erlebt, dass Kinder vor ihnen Angst hätten. Es ist eher das Gegenteil der Fall: Kinder bemerken das Down-Syndrom dieser so offenherzigen und liebevollen Menschen meist gar nicht.