Als vor rund vier Jahren Helmut Zander mit seinem zweibändigen Opus überAnthroposophie in Deutschland auf den Plan trat, sahen sich Anthroposophen mit der Tatsache konfrontiert, dass in der Öffentlichkeit mit einem Mal ein Nicht-Anthroposoph zum Experten für Rudolf Steiner avancierte. Diese Situation hat sich mit dem 150. Geburtstag Rudolf Steiners eher noch verstärkt: Vielen Medien gelten weniger die internen „Kenner“ der Anthroposophie als Informanten über deren Ideen. Vielmehr haben neben Helmut Zander inzwischen noch zwei weitere Autoren nun insgesamt drei neue Bücher über Steiner vorgelegt, die mit ihrem wissenschaftlichen Außenblick auf sein Werk in der Berichterstattung breiten Raum einnehmen. Mit diesen Sichtweisen in einen fruchtbaren Dialog zu treten war Ziel eines Kolloquiums, zu dem die unabhängige Medienstelle Anthroposophie Mitte Februar ins Frankfurter Goethehaus eingeladen hatte.

Mit der Frage, warum nicht schon die seit 1997 vorliegende, umfangreiche Steiner-Biographie des Anthroposophen Christoph Lindenberg die Öffentlichkeit erreicht habe, eröffnete Dr. Jens Heisterkamp von Info3 als Moderator das Gespräch. „Jede Generation richtet neue Fragen an einen Gegenstand und erwartet auch neue Antworten“, erklärte die Historikerin und Journalistin Dr. Miriam Gebhardt das neu entflammte Interesse an Steiner. „Man traut den Anthroposophen eben nicht zu, objektiv und ohne weltanschauliche Botschaft über Steiner zu schreiben“, ergänzte Prof. Dr. Heiner Ullrich. „Lindenbergs Biographie ist bei allen Verdiensten noch stark monumental ausgerichtet. Wissenschaftlich erwartet man aber eine Darstellung, die auch Schwächen und Diskontinuitäten kommuniziert“, so der Mainzer Erziehungswissenschaftler.

Allgemein würdigten Vertreter von anthroposophischer Seite das Erscheinen der drei Werke als Zeichen wachsenden Interesses. Es wurden aber auch kritische Fragen an die anwesenden Buchautoren laut: So äußerte der Stuttgarter Verleger Jean-Claude Lin beispielsweise sein Befremden darüber, dass in der Biographie Helmut Zanders die Geschichte der Abspaltung Steiners von der Theosophischen Gesellschaft unter Ausschluss der „Frage nach dem Christus“ allein als Auseinandersetzung um Macht und Einfluss zwischen Steiner und der theosophischen Leitung dargestellt werde. „Wie inhaltlich ernst nehmen diese Biographen Steiners Ideen und Einsichten?“ Der Leiter des anthroposophischen Verlags Freies Geistesleben wehrte sich außerdem gegen die bei den drei Biographen seiner Ansicht nach anzutreffende Vorstellung, Steiner habe wesentliche Teile seines Werkes lediglich eklektisch zusammengetragen. Gerade dieses „Wildern in den Gärten anderer“ wollte Miriam Gebhardt dagegen keineswegs als Vorwurf oder Opportunismus missverstanden wissen, sondern durchaus als modernen Zug Steiners, sich immer wieder neue Milieus anzueignen und sich dabei gleichsam immer wieder selbst „neu zu erfinden“.

„Ist die Glaubwürdigkeit einer Steiner-Biographie dem Zeitempfinden gemäß dadurch gegeben, dass man distanziert Defizite herausstellt?“, spitzte Prof. Dr. Jost Schieren von der Alanus Hochschule die Frage zu. Dadurch gelange man in das Dilemma, zwar die Erfolge der Praxisfelder historisch nachzuzeichnen, aber den Kernbestand der Anthroposophie eher als überholt ansehen zu müssen. So klassifiziere z.B. Heiner Ullrich in seiner Untersuchung Steiners philosophischen Ansatz pauschal als „vormodern“. Jost Schieren warnte davor, dass als Antwort auf eine zu starke „Binnen-Verehrung“ Steiners nun keine wissenschaftliche „Gegenmission“ erfolgen dürfe.