Herr Clement, Sie haben sich an eine wichtige Aufgabe für das Werk Steiners gemacht – wie sieht Ihr eigener Bezug zur Anthroposophie aus, sind sie eher ein Insider oder einer, der kritisch von außen draufschaut?

Auf die Anthroposophie gestoßen bin ich während meines Studiums in Hamburg. Zunächst auf die Waldorfpädagogik aufmerksam geworden, faszinierten mich dann vor allem das philosophische Werk Steiners und dessen Bezüge zur Mystik, zum deutschen Idealismus und zum Existentialismus, aber auch zur Psychologie und Psychoanalyse. So habe ich meine erste Staatsexamensarbeit über Steiners Erkenntnistheorie geschrieben, und meine zweite über seinen Freiheitsbegriff. Mein Schicksal wollte es dann – cherchez la femme – dass ich in die USA kam, wo ich an der Universität von Utah mit einer Dissertation über Steiners dramaturgisches Werk promovierte (Die Geburt des modernen Mysteriendramas aus dem Geiste Weimars, Berlin 2007). Während dieser Arbeit entwickelte ich, zunächst als persönliches Arbeitswerkzeug, eine digitale Version des schriftlichen Werkes von Steiner. Daraus erwuchs dann später das Projekt des Rudolf Steiner Online Archivs (anthroposophie.byu.edu), das im Internet bis heute rege frequentiert wird. – Um aber auf Ihre Frage zu kommen: Insofern das beschriebene fachliche und persönliche Interesse und meine langjährige Auseinandersetzung mit den oben beschriebenen Geistesströmungen in Betracht kommen, sehe ich mich selbst durchaus als „Insider“, der an der Anthroposophie als moderner Erbin dieser Traditionen existentiell interessiert ist. Allerdings ist meine Wahrnehmung, dass Anthroposophie von vielen ihrer heutigen Vertreter nicht im Sinne ihres eigenen Selbstanspruches als eine Phänomenologie des menschlichen (oder, wenn man so will, des Steinerschen) Bewusstseins, sondern eher als neue Religion bzw. als Religionsersatz aufgefasst und praktiziert wird. Diese Erfahrung hat einer tieferen Involvierung meinerseits in die Arbeit der Anthroposophischen Gesellschaft bisher im Wege gestanden, und in dieser institutionellen Hinsicht bin ich somit eher jemand, der auf die anthroposophische Bewegung „von außen“ draufschaut.

Warum braucht es neben den Steiner-Ausgaben, die es bereits gibt, jetzt noch eine weitere Ausgabe?

In der Arbeit mit dem Netz-Archiv kam mir irgendwann der Gedanke, eine kritische Ausgabe der Schriften zu entwickeln, anhand derer sich die Textentwicklung der verschiedenen Bücher Steiners nachvollziehen lässt. Das Projekt war zunächst als Online-Ausgabe gedacht, aber ab einem gewissen Stadium wurde immer deutlicher, dass ich mit meiner Arbeit eigentlich den Grundstock für eine neuartige Print-Edition von Steiners Schriften gelegt hatte, die das Potential hat, die Steiner-Philologie insgesamt auf ein ganz neues Niveau zu heben. Und so begann meine Suche nach einem geeigneten Verleger für eine qualitativ hochwertige Buchausgabe der Texte.

Worin genau bestehen Ihrer Ansicht nach die Defizite der Ausgaben, die die Steiner Nachlassverwaltung besorgt hat?

Im Rahmen der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) ist zwar der größte Teil des Steinerschen Textkorpus mittlerweile erfasst und publiziert, aber es handelt sich dabei, wie auch die Herausgeber selbst ausdrücklich betonen, nicht um eine kritische Edition. Das zeigt sich vor allem in der Nichtberücksichtigung der verschiedenen Bearbeitungsstufen von Steiners Texten, in der selektiven und binnenanthroposophischen Art der Kommentierung und in dem Verzicht auf eine historische und biographische Kontextualisierung der Texte. Angesichts des in jüngster Zeit zunehmenden öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses an der Anthroposophie erscheinen mir die Leseausgaben der GA als nicht länger ausreichend. Im Herangehen an eine kritisch aufgearbeitete Edition der Texte sehe ich ein dringendes Bedürfnis künftiger Anthroposophieforschung.

Ist das nur für die wissenschaftliche Welt von Interesse oder auch für die Entwicklung der Anthroposophie selbst wichtig?

Die Ausgabe ist als philologisches Werkzeug für die kritische Auseinandersetzung mit Steiners Werk und dessen Entwicklung konzipiert, unabhängig davon, ob diese innerhalb oder außerhalb der anthroposophischen Bewegung stattfindet. Steiner hat ja seine Monographien in immer neuen Auflagen vielfach umgearbeitet und in dieser Entwicklung seiner Texte ein wertvolles Zeugnis seiner eigenen intellektuellen und spirituellen Entwicklung hinterlassen. Die bisherigen Ausgaben machen diese Entwicklung jedoch in der Regel nicht transparent und erzeugen so die Fiktion eines autoritativen anthroposophischen Lehrtextes, wo doch bei Berücksichtigung der Textentwicklung ein im ständigen Fluss befindliches, auf immer neue Weise mit der sprachlichen Form ringendes und sich selbst revidierendes Denken offenbar wird. Ich bin der Auffassung, dass dieser Tatbestand Rudolf Steiner als Autor und die anthroposophischen Texte nicht notwendigerweise kompromittiert (wie oft und gerade in jüngster Zeit wieder argumentiert worden ist), sondern auch in konstruktiver Weise als besondere Qualität des anthroposophischen Denkens verstanden kann. Indem unsere Ausgabe die Entwicklung der Steinerschen Texte erstmals völlig offenlegt, will sie sowohl den akademischen Diskurs über Steiner weiterbringen als auch zu neuen Deutungsansätzen innerhalb der anthroposophischen Bewegung anregen.

Wie kam dann der Kontakt zu frommann-holzboog zustande, immerhin ein etablierter philosophischer Fachverlag, in dem auch Hegel, Schelling und Jakob Böhme verlegt werden?

Ich bin im August 2010 an den frommann-holzboog Verlag herangetreten, weil ich der Überzeugung bin, dass die Auseinandersetzung mit Anthroposophie substantieller und fruchtbarer werden wird, wenn die Editions- und Interpretationshoheit über diese Texte nicht länger allein in den Händen der erklärten Anhänger bzw. Gegner Steiners liegt, sondern allmählich in den akademischen Mainstream übergeht, wo allein eine von apologetischem und polemischem Ballast gleichermaßen befreite intellektuelle Auseinandersetzung möglich sein wird. Aufgrund des besonderen Profils dieses Verlages – mit Schwerpunkten auf dem deutschen Idealismus und der Mystik, aber auch der Psychoanalyse – erschien er mir als der ideale Ort für ein solches Vorhaben, da ich Steiners Werk als Versuch einer Fortführung und Verbindung dieser geistesgeschichtlichen Impulse verstehe. Wo man sich für Eckhart und Böhme, für Fichte und Schelling, für Freud und Jung interessiert, so war mein Gedanke, wird man wohl auch für die Bedeutung Steiners ein Organ haben. Das war freilich für jemanden auf meiner Stufe der akademischen Karriereleiter sehr gewagt, und ich gebe zu, dass ich selbst etwas überrascht war, als der Verlag tatsächlich positiv antwortete und genuines Interesse an dem Projekt zeigte. In langen Gesprächen haben wir dann die Konzeption einer Ausgabe entwickelt, welche mit ihrer Dokumentation der Textentwicklung, mit ihren kritischen und kontextualisierenden Einleitungen und ausführlichen Stellenkommentaren einen deutlichen Mehrwert gegenüber den bisherigen Ausgaben aufweist und einen neuen Standard in der Edition des Steinerschen Werkes setzt. Mit Blick auf die Zukunft sehen wir die KA zudem als mögliche Grundlage einer künftigen voll ausgewachsenen historisch-kritischen Ausgabe und sowohl der Verlag wie ich selbst haben in dieser Richtung bereits erste Sondierungsgespräche geführt.

Ein persönliches Wort zum Schluss – Sie sind als Dozent an einer Universität beschäftigt, die einen mormonischen Hintergrund hat – wie kam es dazu?

Die Brigham Young Universität (BYU) ist in der Tat eine von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, den Mormonen, getragene Institution, deren Lehrkörper und Studentenschaft überwiegend aus Mitgliedern dieser Religionsgemeinschaft besteht.

Da Ihre Frage ein gewisses, in manchen anthroposophischen Kreisen bestehendes Bedenken berührt, nämlich warum das Werk des Verfassers der Philosophie der Freiheit ausgerechnet im Zusammenhang mit dieser Universität herausgegeben wird, die bisweilen als ausgesprochen unfreiheitlich wahrgenommen wird, möchte ich zunächst das Folgende ganz deutlich sagen: Die BYU nimmt keinerlei inhaltlichen Einfluss auf meine Arbeit und ich würde mir wünschen, dass deren Qualitäten an ihr selbst gemessen werden, ohne dass man sich den Blick von vornherein durch irgendwelche Voreingenommenheiten oder Verschwörungsängste verstellt. Eine „mormonische“ Deutung Steiners oder gar den Versuch einer religiös motivierten Instrumentalisierung von Anthroposophie (die man, wie ich mit Bestürzung zur Kenntnis nehmen musste, an verschiedenen anthroposophischen Stellen befürchtet) wird man in der Kritischen Ausgabe vergeblich suchen.

Und wie kamen Sie an diesen Ort?

Da kann ich in der mir hier gebotenen Kürze vielleicht am besten mit Goethe antworten: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“ Neben meinem Leben mit meiner amerikanischen Lebensgefährtin und unseren sechs Kindern (fünf davon Töchter!) fasziniert mich an meinem Leben in Utah besonders, dass es mir erlaubt, die Spiritualität und lebendige Mysterienkultur dieser in vieler Hinsicht faszinierenden Glaubensgemeinschaft auf intime Art und gewissermaßen von innen kennenzulernen. Auch die mir hier gebotene Möglichkeit, Themen wie Mystik, Esoterik und Spiritualität in zentraler Weise zum Inhalt meiner akademischen Lehr- und meiner Forschungstätigkeit zu machen, macht diese Position für mich ausgesprochen attraktiv. Dass für jemanden mit meiner Sozialisation die Arbeit an einer Institution mit einem so eigenen kulturellen Profil wie demjenigen der BYU eine Herausforderung ganz besonderer Art darstellt, versteht sich ja von selbst. Dieser stelle ich mich jedoch mit Freude, nicht zuletzt, weil ich damit ein lebendiges Zeichen für die Fruchtbarkeit interdisziplinärer und interkultureller Grenzgänge und Brückenschläge setzen kann.

Interview: Jens Heisterkamp

Dr. Christian Clement ist Assistant Professor für German Studies an der Brigham Young University in Utah http://de.wikipedia.org/wiki/Brigham_Young_University.

 

Die von ihm verantwortete Kritische Ausgabe (KA) im Verlag frommann-holzboog ist zunächst auf acht Bände angelegt und wird alle maßgeblichen Schriften Steiners bis 1910 enthalten. Folgende Anordnung ist für die ersten acht Bände vorgesehen:

Als erstes Werk soll noch in diesem Herbst der Band 5 erscheinen.




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