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Ein Kommentar zu Jens Heisterkamp / Von Enno Schmidt

Das bedingungslose Grundeinkommen ist konkreter, als man glaubt. Wenn man wissen will, wie das ist mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, muss man nur auf den eigenen Umgang mit diesem Gedanken achten. Wie viele Vorurteile und Trägheiten fallen einem da auf? Wo steht man selbst mit seiner Wahrnehmung, seinem Denken? Zum Beispiel wenn man feststellt, dass man ganz selbstverständlich der Ansicht ist, es gäbe diese anderen, die nun mal einen Zwang zur Arbeit brauchen, die ohne Bedrohung ihrer Lebensmöglichkeit nicht die Arbeit tun würden, die schlecht bezahlt und unbeliebt, aber doch notwendig ist. Dann kann man feststellen: Ich bin für Zwangsarbeit. Natürlich nicht für alle, aber für diese anderen eben. Dann kann man feststellen: Es gibt für mich zwei Arten von Menschen. Die einen, zu denen ich gehöre, und diese anderen, die eben anders sind, die man auch zwingen können muss. Das ist sehr bequem im Denken.

 

Die Faulheit auffliegen lassen

Dann kann man feststellen: Mit der Wirklichkeit eines anderen Menschen will ich mich gar nicht auseinandersetzen. Ich will meine Ruhe haben und mich auf Kosten anderer richtig fühlen.

Das ist ganz normal, wenn man so fühlt und denkt. Auch die Sklavenhalterei war über Jahrtausende ganz normal. Man kann also feststellen: Es lebt viel aus der Vergangenheit in mir. Und das bedingungslose Grundeinkommen, diese Idee, die das aufkommen lässt, was sonst so unhinterfragt vor sich hin dümpelt, ändert nichts daran. Sie bringt  das nur ans Licht. Wenn man will. Dann liegt es in der eigenen Entscheidung, ob man das so weiter macht, oder ob man es anders macht. Es gibt die Dinge nur mehr in die eigene Hand. In der ist alles, was man tut und lässt, ohnehin. Es schafft nur die Orientierung weg, die aus Ignoranz besteht.

Von wegen: Das Grundeinkommen ließe einen fauler werden. Es lässt vielmehr die Faulheit auffliegen. Die Faulheit im Hinschauen, im Nachfragen, die Faulheit, sich hinter Arbeitsplätzen zu verstecken, anstatt sich dem Notwendigen zuzuwenden. Es geht nicht um ein fixes Urteil, was falsch und was richtig wäre, sondern um mehr Freiheit in der eigenen Entscheidung. Weniger Ausreden im Sinne von: Das habe ich ja nicht gewusst. Aber das bezieht sich auf einen selbst, was man alles nicht von sich gewusst hat. Man kann bemerken: Das ist ja viel konkreter, als ich es wahrhaben will, dieses bedingungslose Grundeinkommen. Es ist meine Verantwortung, wie ich damit umgehe. Wie ich mit dem Gedanken des bedingungslosen Grundeinkommens umgehe, das bin ich. Es ist nicht etwas Fernes, worüber ich nur spekulieren kann. Und wenn ich darüber als etwas Fernes spekuliere, dann bin ich eben das. Und wieder ist das nicht schlimm oder falsch – ich kann es so machen oder anders. Das bedingungslose Grundeinkommen stellt einen nur frei. Es sagt nicht, wie ich es machen muss. Damit ist es meine Verantwortung, nicht die Schuld anderer und nicht, dass man ja nicht anders kann.

Es wird nichts versprochen

Es geht also nicht um sogenannte positive oder eher negative Menschenbilder. Mit denen bleibt man nur auf geschmäcklerische Art dem Gedanken fern. Ich bin kein besserer Mensch, wenn ich für ein bedingungsloses Grundeinkommen bin, ich bin kein realistischerer Mensch, wenn ich dagegen bin. Diese Selbstpositionierungen sind das unvermögende Ende einer empfundenen Aussichtslosigkeit in der Sache.

Ein Heilsversprechen kann ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht sein. Es verspricht nichts. Es nimmt nur das Recht auf Leben demokratisch wirtschaftlich ernst. Das Recht auf das Leben, das jeder hat. Und das wir uns gegenseitig ermöglichen. Es legt die Zukunftsoffenheit des Lebens mehr in die Hand jedes Einzelnen. Es tut das aus gegenseitigem Zutrauen.

Wir leisten füreinander. Aber nicht als Maschinen für einen Profit ins Sinnlose, sondern als Menschen. Das Grundeinkommen macht das deutlicher. Damit betont es die Gegenwart, das, was wirklich geschieht.

Es gibt keinen zwingenden Grund für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Man kann alles auch auf andere Weise weiterführen und Einzellösungen finden für einzelne Probleme. Was mit einem bedingungslosen Grundeinkommen auch nötig ist.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine freie Tat. Es ist eigene Bewegung. Es ist kein Versprechen und kein Menschenbild mit oder ohne Zucker. Es ist komplexe Wirklichkeit. Es wirft einen auf sich selbst. Es nimmt einem weniger ab und lässt weniger ausblenden.

Es gab übrigens auch keinen zwingenden Grund für die Einführung der Demokratie, die Abschaffung der Sklaverei, das Erkennen des Menschenrechts. Es gab gegen alles genau die gleichen Gründe wie jetzt gegen das bedingungslose Grundeinkommen. Der Blick in die Zukunft ist mehr oder minder spekulativ. Der Blick in die Vergangenheit zeigt die Realität des bedingungslosen Grundeinkommens sofort als Vorgang.

Was ist Arbeit?

Nur um ein Detail aufzugreifen, wie Bedingungen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen etwas anders wären, möchte ich noch darauf eingehen, dass die von Jens Heisterkamp erwähnten Lehrerinnen oder Jugendarbeiterinnen keinen besonderen Wert für ihre Arbeit und die Jugendlichen in so einem Geldbetrag sähen. Als ob die Probleme mit Gratis-Geld zu lösen wären! Was wie gesagt auch nicht das Versprechen des Grundeinkommens ist, sondern eben eine der Möglichkeiten, sich selbst in seiner Auffassungsgabe zu erleben. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre nicht eine Gratis-Zahlung mal einen Monat lang. Oder drei Jahre lang. Sondern lebenslang. Es wäre nicht speziell für die „Problemfälle“, auf dass sie bald keine mehr sein sollen. Es wäre eine andere Perspektive von klein auf. Auch für die Eltern. Auch für die Erzieher und Lehrer. Wird denn nicht gesehen, wie arg die Verleumdung des anderen ist, wenn er letztlich doch nur „wieder integriert“ werden soll? In den „Arbeitsmarkt“. Wozu eigentlich? Weil er dort so dringend gebraucht wird? Nein, dann käme es zu vielen Abwegen nicht. Warum dann? Um sich nicht mehr um ihn kümmern zu müssen. Und um Geld zu sparen. Und um Steuern einzunehmen. Was ist der Fehler? Dass der Gedanke überholt ist, vom Arbeitseinkommen Steuern zu erheben. Es würde aber etwas Arbeit machen, sich das mal genauer anzuschauen. Und solange diese Arbeit nicht bezahlt wird, solange der Auftrag nicht auf dem Tisch liegt und die Gehaltsabrechnung dazu, wird das nicht neu gedacht. Darum braucht es ein bedingungsloses Grundeinkommen, damit dieses Missverständnis, was Arbeit ist, einen Ausgleich bekommt. Was wäre für die Jugendlichen und die, die sie begleiten wollen, besser mit einem Grundeinkommen? Es wäre – nie für alle – für viele besser, wenn man zu gemeinsamen Projekten mit langer und frei beweglicher Perspektive kommen könnte, etwas selbst und neu aufbauen könnte, was nützlich, wichtig, aber vielleicht nicht bezahlt ist. Wenn man nicht immer wieder alle Prozesse abbrechen müsste, die irgendeine Wirklichkeit aufnehmen, weil wieder ein neuer Antrag zu stellen ist und wieder zu warten ist, ob er bewilligt wird. Weil nicht aus Richtlinien hineinregiert würde, wie Jugendliche nach Behandlung zu funktionieren haben, weil nicht diese Mausefalle alle vorherigen Vorgänge korrumpiert, dass es am Ende wie auch immer um die Beugung unter eine steuerpflichtige Erwerbsarbeit geht, darum wäre das besser. Dass eine Arbeitsstelle mit Bezahlung für viele auch eine Form der Wertschätzung ausdrückt und das Selbstgefühl gibt, etwas zu schaffen und geschafft zu haben, das nimmt das Grundeinkommen niemanden weg. Es erlaubt und ermöglicht nur viel mehr. ///

 Enno Schmidt ist Mitgründer der Initiative Grundeinkommen in der Schweiz.

 




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