Jens Heisterkamp war für Info3 an Bord des "Kulturgutexpress"

Jens Heisterkamp war für Info3 an Bord des „Kulturgutexpress“

Text: Jens Heisterkamp / Fotos: Silke Mondovits

90 Jahre biologisch-dynamische Landwirtschaft – unter diesem Motto fuhr zu Pfingsten ein Zug zu den Anfängen – zwar nicht nach Koberwitz im heutigen Polen, wo Rudolf Steiner vor genau 90 Jahren mit einer Reihe von Vorträgen eine neue Form von Landwirtschaft begründete, wohl aber nach Donji Kraljevec, dem kleinen Ort im heutigen Kroatien, in dem der Gründer der Anthroposophie im Jahr 1861 als Kind eines Eisenbahnbeamten zur Welt kam.

Rudolf Steiner und die Eisenbahn – das war bereits 2011 zum 150. Geburtstag Steiners Anlass für einen Sonderzug gewesen. Die damalige Organisatorin Vera Koppehel aus Basel holte sich diesmal als Unterstützer Peter Daniell Porsche vom Kulturzentrum St. Jakob bei Salzburg an Bord. Zusammen mit vielen, vielen Helferinnen und Helfern machten beide ein ganz besonderes Reiseerlebnis möglich. Acht Waggons und über 160 Reisende starteten mit dem „Kulturgutexpress“ von Salzburg aus über Slowenien und Kroatien in das Heimatdorf der Anthroposophie. Um die Zukunft der Lebensmittel sollte es gehen, um die Bedeutung von Saatgut, um neue Entwicklungen wie die Solidarische Landwirtschaft, um bio-dynamische Initiativen in Ägypten, auf den Philippinen und in Australien und natürlich um die ersten beschwerlichen Schritte, die die Demeter-Bewegung in Slowenien und Kroatien seit einigen Jahren macht. Ernste Themen also, aber diese Zugfahrt sollte vor allem auch Freude machen, wie Daniell Porsche betonte – die Figur des „Weltenhumors„, einst von Steiner als ein Modell seiner Lehre in Holz geschnitzt, dürfte heute gern etwas größer ausfallen, so der Porsche-Erbe, Anthroposoph und Kulturförderer aus Österreich.

 

"Vonnunan" ging's los: Peter Daniell Porsche und Vera Koppehel vor dem Start des Kulturgutexpress in Salzburg, im Hintergrund die Eurythmisten aus Wien.

„Vonnunan“ ging’s los: Peter Daniell Porsche und Vera Koppehel vor dem Start des Kulturgutexpress in Salzburg, im Hintergrund die Eurythmisten aus Wien.

Gute Laune war also angesagt, und die regte sich bei den Fahrgästen sofort, als in der Schalterhalle des Salzburger Hauptbahnhofs die Eurythmie-Kompanie „Vonnunan“ mit einer Tanzeinlage auftrat.  Auf Gleis 1 wartete derweil eine waschechte Dampflok darauf,  den blau gestrichenen Zug gen Süden zu ziehen.

 

Dampflok

Eine Dampflok aus dem Jahr 1936 zieht den Kulturgutexpress auf der Anfangsstrecke.

Lok mit Bergen

Lok Schild

 

 

 

 

 

 

 

 

Schnell waren die Abteile bezogen, alte Bekannte trafen sich, neue Gesichter machten sich miteinander bekannt, ein Hallo hier und ein Scherz dort ließen bald Erinnerungen an eine Klassenfahrt aufkommen, wo man am liebsten überall gleichzeitig dabeigewesen wäre.

Die Fahrt war bis ins Detail nicht nur perfekt, sondern auch überschäumend kreativ und liebevoll organisiert. So machte Vera Koppehel zusammen mit Ruth Bamberg und ihren Helferinnen persönlich die Runde durch den Zug, um nochmal alle Mitreisenden zu begrüßen und ihnen nützliche Reiseutensilien zu überreichen, es gab einen reich bestückten Stoffbeutel mit Literatur und Kosmetik und ein Sponsor hatte sogar eigens Bio-Schokolade passend zum Zug-Design verpacken lassen.

 

 

Zubegleiterinnen

Ruth Bamberg und Vera Koppehel verteilten neben den Tickets auch passende Reiselektüre.

Was die Organisatoren so alles in den Salonwagen und die Abteile gepackt hatten, machte dem Titel „Kulturgutexpress“ alle Ehre:

Der Schauspieler Alexander Tschernik erwartete seine Gäste im Philosophie-Abteil mit Texten von Hölderlin, Heidegger und Hannah Arendt.

Der Schauspieler Alexander Tschernek liest im Philosophie-Abteil Texte von Hölderlin, Heidegger und Hannah Arendt.

 

Da las der Schauspieler Alexander Tschernek feinfühlig Texte, ein Technik-Experte erläuterte Wissenswertes zum Thema Wasserbearbeitung, es gab viele musikalische Beiträge und natürlich jede Menge guter Verpflegung: Speisen und Getränke in Demeter- und Bio-Qualität, die den kulturellen Beiträgen in nichts nachstanden.

Tobias langscheid von der Paul Schatz-Stiftung erläutert im Salonwagen den "Oloid".

Tobias Langscheid erläutert im Salonwagen die Funktion des Oloids.

 

Matthias Beckmann aus Salzburg spielte trotz Zugrattern und hohen Temperaturen Bach Suiten auf seinem fünfseitigen Cello

Matthias Beckmann aus Salzburg spielt trotz Zugrattern und hohen Temperaturen konzentriert und vertieft auf seinem fünfseitigen Cello Bach.

 

 

 

Ebenfalls mit an Bord: Karl Tress, der 60 Jahre lang einen bio-dynamischen Hof in baden Württemberg führte und für seine Erfolge mehrfach ausgezeichnet wurde.

Karl Tress, der 60 Jahre lang einen bio-dynamischen Hof in Baden-Württemberg führte und für seine Erfolge mehrfach ausgezeichnet wurde.

 

Und es gab natürlich jede Menge Anlass zum Reden und Zuhören während der Fahrt: Einer, der besonders lebendig erzählen kann, ist das Demeter-Urgestein Karl Tress, der bereits mit 18 Jahren den elterlichen Hof übernahm und auf die ihn faszinierende, neue Anbaumethode umstellte. Er habe immer zeigen wollen, dass man mit dem bio-dynamischen Ansatz besser sein könne als andere. Mehrfach wurde sein Hof auch wegen seines wirtschaftlichen Erfolgs in Baden Württemberg ausgezeichnet.

 

 

Nicht zu verachten waren auch die Aufenthalte an kleineren und größeren Bahnhöfen. Wenn die Lok gewechselt oder die Fahrtrichtung geändert wurde gab es Zeit für verschiedene Beiträge ob künstlerischer oder inhaltlicher Art, immer übrigens unter den aufmerksamen Augen des DenkMal-Filmteams, das die gesamte Tour mit seinen Kameras für einen Dokumentarfilm festhielt.

 

Dr. Bertold Heyden vom Kayserlink-Instutit erläutert neue Ansätze in der Saatgutforschung

Dr. Bertold Heyden vom Keyserlingk-Institut erläutert bei einem Zwischenstopp neue Ansätze in der Saatgutforschung

 

Filmteam

Alles für die Nachwelt festhalten: die Crew der Münchener DenkMal-Film war überall dabei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein besonders berührender Zwischenstopp erwartete die Fahrgäste im slowenischen Maribor, wo nicht nur der mit Steiners Dreigliederung vertraute Bürgermeister die Reisenden begrüßte, sondern zahlreiche Initiativen auf anthroposophischer Grundlage eigens für die Durchfahrt des Kulturzugs einen kleinen Markt aufgebaut hatten.

Der Bürgermeister von Maribor empfängt Vera Koppehel

Der Bürgermeister von Maribor empfängt Vera Koppehel

 

Steiner Bild

Steiner-Bildnis auf dem anthroposophischen Bahnhofs-Marktplatz in Maribor

 

 

In Maribor kam auch ein Kulturbotschafter der besonderen Art zum Zuge: der bekannte Geiger Miha Pogacnik, der es sich nicht nehmen ließ, in einem Bahnhofstunnel Bach zu spielen. Später in Kraljevic sorgte er dann noch zusammen mit dem Dirigenten Elmar Lampson und slowenischen Musikern für einen der unbestrittenen Höhepunkte des Events: ein Beethoven-Violinkonzert, bei dem die Zuhörer mitten unter den Orchester-Musikern sitzen durften.

Miha in maribor

Höchste Konzentration, ob im Konzertsaal oder im Bahnhofstunnel: Miha Pogacnik in seinem Element.

 

Entspannt nach dem Auftritt: Miha Pocagnik mit Jens Heisterkamp, der in der Februar-Ausgabe von Info3 über die Projekte des Musikers in Slowenien berichtet hatte.

Entspannt nach dem Auftritt: Miha Pogacnik mit Jens Heisterkamp, der in der Februar-Ausgabe von Info3 über die sozialen Projekte des Musikers in Slowenien berichtet hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zehn Stunden und viele hundert Kilometer Zuggleise später hat der Kulturgutexpress die Grenze zur Kroatien überfahren und sein ganz im Norden des Landes gelegenes Ziel erreicht. Am Bahnhof von Donji Kraljevec wird der Zug von einer Blaskapelle begrüßt und unter Fanfarenklängen ins nahe gelegene Sportzentrum des Ortes geleitet, wo ein großer Teil der nun beginnenden Veranstaltung stattfindet.

Angekommen nach langer Fahrt: Vera Koppehel vor dem Bahnhof von Kraljevec - für sie ein Ort der Kraft und Inspiration.

Angekommen nach langer Fahrt: Vera Koppehel vor dem Bahnhof von Kraljevec – für sie ein Ort der Kraft und Inspiration.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch hier kann der Bericht nur wenige Stichworte einer dicht gedrängten Fülle festhalten: Die herzliche Begrüßung durch die lokalen Politiker etwa, den Bericht von Jasminka Illicic, die sich in Kroatien um erste Demeter-Zertifizierungen bemüht, dann am nächsten Tag der Bio-Dyn-Pionier Alex Podolinsky, der mit seinen 89 Jahren aus  Australien angereist ist, um über Erfolge bei der Regenerierung von Böden zu berichten, oder Dragon Purgai von der bio-dynamischen Gesellschaft in Slowenien, für den die Berührung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt im Humus liegt.

 

Ganz vorn zu nennen in Kraljevec aber ist Sandra Percac, die hier vor mehr als acht Jahren begann, sich dem Andenken Steiners in dessen Geburtsort zu widmen. Einer der vielen Höhepunkte des Pfingstwochenendes ist die – trotz noch vorhandener Baustellenatmosphäre – improvisierte Eröffnung des neuen Steiner-Zentrums, um dessen Aufbau sie sich verdient gemacht hat.

Centar Dr. Rudolfa Steinera

Die Organisatoren auf dem Balkon des Steiner-Zentrums: Drei weiße Tauben stiegen von hier zum Himmel auf.

 

Sandra Parcac aus Kraljevec macht sich vor Ort für Rudolf Steiner und die Anthroposophie stark.

Sandra Percac aus Kraljevec macht sich vor Ort für Rudolf Steiner stark.

 

 

Treppenhaus Centar

Ein kleines Goetheanum in Kroatien – farbige Glasfenster im Treppenhaus des Steiner-Zentrums

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Besonderheit dieses Hauses, das vor dem Umbau die Poststation des Ortes beherbergte, ist die Tatsache, dass es sich hier um das wohl einzige anthroposophische Kulturzentrum handelt, das mit Mitteln der Lokalverwaltung unterstützt wird. Es gibt verschiedene Arbeitsräume und einen kleinen Saal, und unter dem Dach hat eine von Elisabeth Behringer gestaltete Dauerausstellung zu Leben und Werk Rudolf Steiners ihren  Platz gefunden.

 

Elisabeth Behringer bei der Eröffnung der Steiner-Ausstellung

Elisabeth Behringer bei der Eröffnung der Steiner-Ausstellung

Seminarszene im Mittelgeschoss des Steiner-Zentrums

Seminar im Mittelgeschoss des Steiner-Zentrums mit der Raumpflege-Expertin Linda Thomas, die sich während der Fahrt auch um Reinlichkeit im Zug kümmerte.

 

 

 

 

Wie herzlich die anthroposophischen Aktivitäten in das örtliche Umfeld integriert sind, wird noch einmal am letzten Abend spürbar, als die Tagungsteilnehmer zusammen mit den Bewohnern von Kraljevec auf dem Gemeindefestplatz den Pfingstsonntag mit Musik, Folklore-Darbietungen und Bohnensuppe  ausklingen lassen.

Folkloregruppe

Die Tanzgruppe von Kraljevec mit farbenprächtigen Kostümen

 

Nicht nur Landwirt, sondern auch Tänzer: Karl Tress in Aktion

Nicht nur Landwirt, sondern auch Tänzer: Karl Tress in Aktion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Pfingstmontag geht es dann in aller Frühe wieder zum Bahnhof, dessen Bahnsteig gar nicht lang genug für den großen Zug ist. Noch einmal heißt es Platz nehmen und jene etwas ruhigere Art des Bahnreisens genießen, bei der man noch am offenen Fenster stehen und sich den Fahrtwind um die Nase wehen lassen kann. Noch einmal im Salonwagen Musik hören oder köstliche Ravioli mit Pesto und süßsauren Zwiebeln genießen oder einfach in die roten Polster sinken, die heute kein noch so schneller ICE mehr zu bieten hat.

Mitgebracht von den Philippinen:  Ein Schicksalsspiel mit Samen

Mitgebracht von den Philippinen: Ein Schicksalsspiel mit Samen

Am Abteilfenster kommen immer noch Mitreisende vorbei, die ihre Partner für ein Spiel suchen, das schon auf der Hinfahrt begann: Walter Hahn und seine Frau Grace haben von den Philippinen große Samenkapseln mitgebracht und die wunderschönen Formen in farblich markierte Einzelteile zerlegt: Wenn man die Partner mit der richtigen Markierung findet, lässt sich die rundliche Samenform wieder zusammensetzen. Eine Art Schicksalsspiel und ein Bild für die Frage, nach welchen geheimnisvollen Regeln sich wohl die Menschen auf dieser Reise zusammengefunden haben. Langsam und doch viel zu schnell erreicht der Zug mit seiner so herrlich bunt zusammengewürfelten Truppe am frühen Abend die Stadt Salzburg. Es liegt ein Hauch von Wehmut über dem Bahnhof, als es am Ende ans große Abschiednehmen geht. Die Gesichter werden einem noch lange nachgehen.

 

 




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